Valentinstag

Seit 9 Monaten chatten wir. Wir haben uns auf einer Ebene kennengelernt, die so vollkommen anders ist. Abseits von Optik und Oberflächlichkeit. Wir sind sofort dahin gegangen, wo man sich selbst ungern begegnet. Tief liegende Geheimnisse, Wünsche und Bedürfnisse. Ich glaube, ein reales Zusammentreffen, hätte dies nie ermöglicht. Wir wären zu sehr abgelenkt von der Fassade und des Wirken-Wollens. Dieses Kostüm, welches wir dem anderen zeigen, damit wir etwas darstellen, was wir sein wollen, hätte alles blockiert.

Wir hatten nicht die besten Voraussetzungen. Wir sind beide anders. Wir sind Marsianer. Wir hatten so viel Glück uns zu begegnen und in die Seele des anderen vorzudringen. Wir waren mutig! Wir waren so neugierig. Voller kindlicher Naivität und Begeisterung für einander.

Von Familie und Freunden werden wir belächelt. Ich weiß gar nicht, wie oft ich diese Beziehung rechtfertigen musste. Immer wieder die gleichen Fragen. An erster wichtigster Stelle: Wie sieht sie aus? Ist sie das wirklich, oder ein Fake? Wann trefft ihr euch endlich mal? Riskiert doch mal was!

Nein. Zu all dem. Nein.

Ich denke, sie braucht diese Distanz. Sie will sich verstecken. Will vermeiden, dass ihr irgendjemand zu nahe kommt. Sie will keine reale Beziehung. Sie will die Buchstaben. Sie ist verliebt in Sätze und ihre eigene Fantasie und Wunschvorstellung von einem Menschen, den es in Wirklichkeit gar nicht gibt. Und ich will es ihr nicht nehmen.

Ich selber möchte hier in diesem geschützten Rahmen bleiben. Kein Real Life-Schock. Kein aus dem Tagtraum gerissen werden. Ich liebe lieber die Vorstellung von ihr, als die ungeschönte Wahrheit.

Es gibt Tage, da vermisse ich das Körperliche. Dann will ich Berührung und auch wegen meines Körpers geliebt werden.

Man könnte jetzt annehmen, ich wäre ein kleiner dicklicher Nerd mit Pickeln und Brille. Oder ich könnte 49 Jahre alt sein mit pädophilen Tendenzen. Ich könnte verheiratete sein und 3 Kinder haben. Ich könnte alles sein. Aber die Wahrheit ist viel banaler.

Ich bin eine Rampensau. Ich bin immer Mittelpunkt. Ich liebe das Spotlight. Ich liebe Anerkennung und Aufmerksamkeit. Ich liebe es, gewollt zu werden. Ich liebe die Jagt und ich liebe das Ficken. Ich liebe das Erobern und ich liebe die Flirterei.

Und doch ist es nicht das, was mich ausgefüllt hat.

Ausgefüllt hat mich nur der Chat.

Jenseits von guten Äußerlichkeiten und Charme, der von mir selbst ablenkt.

Es tat so gut, wegen dem geliebt zu werden, was ich sage und nicht wegen dem, was ich verkörpere.

Und doch stehe ich jetzt hier.

Menschen wuseln um mich herum, wie in einem Bienenstock. Es ist Dienstag. Valentinstag. Kinodate für Verliebte. Und ich stehe mittendrin! Ich sehe Händchenhalten, Popcorn und riesige Becher gefüllt mit Cola. Ich weiß nicht, ob das alles echt ist. Es ist zu viel für mich und meine soziale Phobie. Ich würde mir lieber den Arm abhacken, als hier zu stehen.

Ich versuche nicht aufzufallen – und dennoch gelinkt es mir nicht. Ich bemerke den Blick der Frauen, die ohne Partner hier sind. Ich sehe Romantik und Sehnsucht in ihren Augen blitzen und bin bemüht, keinen Blickkontakt herzustellen. Ich bin nur wegen ihr hier. Aber es erleichtert mich auch, attraktiv gefunden zu werden. Ich bin nicht 49, oder ein hässlicher Nerd, ich bin begehrenswert. Diese Bestätigung gibt mir Sicherheit.

Sie ist das »Date« für ihre sitzengelassene Freundin. Sie musste einspringen und an seiner statt mit ihr in »50 Shades of Grey« Teil 2 gehen. Ein wenig tut sie mir leid. Hier wimmelt es nur so von Frauen, die auf einen Mr. Grey warten. Sie denken, sie wollen seine Dominanz. Sie denken falsch. Aber man will ja immer das, was man nicht haben kann. Den Preis dafür wollen die Wenigstens zahlen. Sie denken, sie könnten ihn ändern. Sie denken, sie wären die Einzige. The choosen one. Hach. Die Nummer zieht jedes Mal.

Seit Monaten reden wir uns ein, dass das Äußerliche nebensächlich sei. Dass man doch die Seele eines Menschen liebt. Ich weiß allerdings auch, wie sie aussieht. Kenne ihr Gesicht in und auswendig. Ich kann behaupten, dass ich sie wahrlich liebe. Mein Profilbild hingegen ist eine Katze. Ich bin gerade so was von angepisst von dieser Scheiße-zu-Gold-Rederei. Ich bin heute mit dem Gedanken aufgewacht, dass ich es wissen will. Will sie wirklich mich? Mit allem, was dazu gehört? Reiche ich ihr?

Niemals würde sie denken, dass ich jetzt hier bin. Ich habe mich immer so vehement gegen ein Treffen ausgesprochen, dass sie diese Möglichkeit gar nicht mehr in Betracht zieht. Sie traut mir diesen Schritt nicht zu. Und genau das ist der Grund, warum ich es tue. Sie unterschätzt mich. Denkt vermutlich, dass ich irgendetwas vertuschen will. Dass ich einen Makel habe. Dass Menschen auf offener Straße entsetzt ihren Blick von mir abwenden. Dass ich ein Monster bin. Oder eben doch der 49-Jährige mit Frau und Kind. Sie behauptet, ihr wäre es egal. Sie gibt mir alle Freiheiten. Du kannst sein, was immer du willst, sagt sie.
Geheimnis?
Vielleicht habe ich einfach nur Angst, ihre Erwartungen an eine große Lüge zu enttäuschen. Was, wenn ich eigentlich ganz normal bin? Was, wenn ich attraktiv bin? Was, wenn sie mehr – viel viel mehr – von mir will?

Ich glaube, dass Problem ist, dass ich ihre Liebe nicht aushalten würde.

Ich würde sie über kurz oder lang zerstören.

Liebe ich sie genug, um sie ein unbeschadetes Leben ohne toxische Konstellation führen zu lassen?

Kann ich sie gehen lassen, wenn ich es muss?

Nein. Denn ich stehe hier.
Und warte.

Ich stelle mir vor, wie Planeten kollidieren, sobald sie den Eingangsbereich betritt. Denke, dass wir das Raum-Zeit-Kontinuum sprengen. Armageddon. Ich rechne mit einem gewaltigen Knall.

Ich ziehe mich ein wenig weiter zurück. Sie soll mich nicht sehen. Ich verstecke mich hinter einem Pfeiler nahe der Café-Lounge. Eine Traube Menschen steht um mich herum. Ich falle gar nicht auf. Ich fühle mich sicher. Mein Herz schlägt ruhig.

Jedenfalls solange, bis ich sie entdecke.

Und jetzt spielt Aussehen eben doch eine riesige Rolle. Ich bin verzaubert. Sie ist so wunderschön. So besonders. So einzigartig. Mein Herz hüpft vor Freude.

Sie steht neben ihrer Freundin, während die die Karten kauft. Sie guckt sich ein wenig um, aber erfasst nichts mit ihrem Blick – und mich schon gar nicht.

Doch kein Urknall.
Irgendwie bin ich enttäuscht. Hatten wir uns doch immer wieder während eines psychotischen Verliebtheitsschubs ausgemalt, wie wir uns entdecken. Wie unsere Gesichtszüge entgleisen würden. Wie wir uns gegenseitig spüren würden.

Ich muss wehmütig grinsen, weil das alles nicht passiert.

Jetzt guckt sie doch in meine Richtung. Ich gehe einen Schritt zur Seite.

Dann gehen sie gemeinsam die Treppen Richtung Kinosaal hoch.

Ich folge mit viel Abstand.

Dieser Abstand ist überkompensiert und sinnbildlich für diese verrückte Situation.

Sie stellen sich an, um Popcorn zu kaufen.

Nein, kein Popcorn. Sie entscheidet sich für Nachos mit doppelt Käsesauce. Wieder muss ich grinsen – diesmal vor Freude und Vertrautheit. Das ist so typisch für sie. In der anderen Hand hält sie ein BECK’S. Ich finde sie so wunderbar. Ich genieße es, im Schatten zu stehen und sie zu beobachten. Mir wird bewusst, dass ich sie gerade zum ersten Mal live sehe. Und nichts daran ist komisch oder fremd. Sie ist sie.

Aber ich bin nicht ich.

Und das ist es, was mich auf Abstand hält.

Ihr Menschenkostüm steht ihr ausgezeichnet. Ich will auch so eins! Ich will nicht länger ein Alien sein.

Es werden immer mehr Menschen. Es ist so voll, dass sich eine Schlange vor dem Eingang bildet. Sexhungrige Frauen, missmutige Partner und mitgeschleppte Freundinnen tummeln sich in Anonymität.

Jetzt oder nie.

Ich stelle mich dazu. Sie macht einen Schritt, gleich ist sie drin. Ich gehe näher an sie heran. Ich kann sie beinahe riechen. Wenn ich ihr jetzt auf die Schulter tippe, könnte ich schwören, es würden Funken fliegen. Raum-Zeit-Kontinuum, es tut mir leid, aber ich muss dich jetzt sprengen. Ich …

»Jen.«

Jennifer dreht sich um. Niemand nennt sie so. Die meisten nennen sie Jenny. Sie hasst das. Nur ich nenne sie Jen. Ich erwarte einen entsetzten Gesichtsausdruck. Ich erwarte ein erblassendes Gesicht. Ich erwarte einen Nervenzusammenbruch. Ich erwarte eine schallende Ohrfeige. Ich erwarte ein um-den-Hals-fallen. Ich erwarte ein »ALTER!«

Was ich nicht erwartet habe, ist der leere Blick.

Sie sieht mich einfach nicht.

Sie dreht sich um, und geht in den dunklen Kinosaal.

Kommentar verfassen

%d Bloggern gefällt das: