Trigger

Ich sitze mit meiner verfickten scheiß TK-Pizza vor dem Fernseher. Ich gucke Nachrichten. Heute ist der 26. April fucking 2017 und es haut mich weg. Ich bin tatsächlich getriggert.

ICH!
Ich, der den sein Leben im Moment der Triggerfreiheit verschrien hat. Übermächtig steh es auf meiner Fahne.
Ich, der jeden Tag damit konfrontiert ist.
Ich, der so abgebrüht ist.
Ich, der keine Therapie braucht.
Ich = Therapieverweigerer.
Bringt doch alles nichts. Lohnt doch nicht. Ich bin mein eigener Gott. Ich-krieg-meinen-Scheiß-schon-geregelt-SUPERSTAR.

FICKEN ALTER!

Ich sitze hier und bin getriggert. Ich bin fassungslos. Ich bin am Boden zerstört.
Ich bin auf Diazepam.
Naja, noch nicht ganz. Ich warte, dass die Wirkung endlich einsetzt. (Es dauert zu lang.)

Ich saß doch einfach nur vor der Glotze. Nachrichten. Weltgeschehen. Information. Wissen. Ficken, ey. Der Bericht beginnt. Ich habe schon ein scheiß Gefühl. Irgendwas ist anders. Irgendwas wird auf mich zukommen. Ich spüre den Wind. Und dann bricht es los. Alles stürzt in sich zusammen.

26- oder 27-Jähriger Kindsvater steht vor Gericht. Er hat seine zweijährige Tochter mehrmals brutal vergewaltigt und dies gefilmt.

Halte aus, denk ich mir. Es ist gleich vorbei. (Es ist nicht vorbei.) Du guckst, und dann schiebst du es in den Aktenordner, wo es hingehört. (Es lässt sich nicht schieben. Es ist zu groß. Es ist zu schwer.) Ich mach also einen auf taff und blicke den Löwen direkt ins Maul.

Ich höre. Ich denke. Ich fühle.

Ich sitze da und kriege wieder dieses Gefühl des abschütteln-Wollens. Es ist, als würde sich eine Decke um deine Füße wickeln. Etwas hält dich fest. Du kommst nicht los. Es geht nicht ab. Scheiße, ich kriege es nicht weg. Lass mich los! Fass meine scheiß Füße nicht an. Finger weg! Panik.

Zwei Jahre alt.
Fuck, 2 Jahre.

Es klingt grausam, aber hätten sie ein anderes Alter genannt, wäre ich vielleicht jetzt nicht so aufgebracht. Acht oder neun, pubertär – mir egal, aber nicht so jung.

Ich fange an zu wackeln. Ich wippe. Ich trete wieder. Es geht nicht ab. Lass mich los! Kotze steigt in mir hoch.

Ich sitze in diesem Zimmer. Der Raum über der Garage, der zu einem Kinderzimmer umgebaut wurde. Früher, so weiß ich aus Erzählungen, war dies das Zimmer meines Vaters. Vermutlich bin ich in diesem Zimmer gezeugt worden. Jetzt lebt sein jüngster Bruder dort. Er ist etwas zurück geblieben und ein Assi. Faul und dumm. Eine ungünstige Konstellation. Er lebt jetzt dort. An den Wänden hängen Bilder von nackten Weibern. Dicke Titten springen uns Kindern entgegen. Keiner schert sich drum, dass wir Kinder da sind und das sehen.

Dann weiß ich nur noch, dass ein Porno eingelegt wird. Vermutlich stammt er von meinem Vater. Er hat damals mit Videoraubkopien gedealt. Das ganze Hinterland bezog von ihm. Wir, zu Hause, hatten auch Pornos. Ich erinnere mich ganz genau an die Cover. Mein Dad war ein Künstler. Es sollten gute Raubkopien sein. Der Kunde sollte zufrieden sein, und immer mehr ordern. Es war ein lukratives Geschäft.

Einer dieser Pornos lief auf einmal. Alle anderen Cousins und Cousinen waren weg. Verschwunden. Nur ich bin noch da. Ich wusste noch nie, wann es Zeit ist zu gehen. Ich erinnere mich an die Farben, nicht an die Taten, nicht an den Akt an und für sich. Ich empfinde die Farbe von Haut bedrohlich. Es ist so fleischig, so roh. Braun, beige, rosa, rot, blond und Pornoneonknallfarben bestimmen das Bild. Gott, diese Farben. Guckt mal einen Porno in schwarz/weiß. Probiert es mal aus. Da geht euch keiner ab. Es sind die Farben. Okay, jetzt werde ich irre. O-oder doch nicht? Bin ich vielleicht etwas ganz Großem auf der Spur? Ich weiß es nicht. Ich … O Gott, diese Farben.

 

Weiter weiß ich nicht.

Ich komme nicht an meine Akten und Polaroids heran. Sie sind verschlossen. Nur du und ich wissen, was dann passierte.

 

… zwei Jahre alt. Erst zwei Jahre. Ich bin schockiert. Ich bin getriggert.

Das Diaz wirkt. Ich werde ruhiger.

Schicht im Schacht. Ich bin leer. Ich vergesse – bis zum nächsten Trigger -; und morgen ist wieder alles so, wie es sich für meine Rolle gehört: taff, wortgewandt, klugscheißrig, trotzig, der Welt dominant. Godmode. Aber nicht heute.

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