Sexszene #2

Fußball Europameisterschaft. Irgendein beklopptes Spiel, das mich im Moment nicht interessiert. Aber ich muss hin. Muss sozial Interagieren – ich spreche es in Gedanken wie ein Schimpfwort aus. Ich hasse es, zu so einer Kacke gezwungen zu werden. Ich will nicht raus. Ich will nicht dahin. Ich will gar nix. Ich bin chronisch pissed.

Miese kleine Schlampe. Dreckstück. – Wiedermal.

Keine Woche ohne Drama/Krieg/Streit/Endlosdiskussion. Der Auslöser diesmal: ihre Passivität. Das ist ihre Superwaffe. Dieses sich einfach dahin stellen und zusehen, wie ich, ein gewaltiger Tornado, um sie herumwirble. Sie steht mitten im Auge des Sturms und guckt mich nur an. Ich könnte ihr ins Gesicht schießen! Ich brauche Reaktion/Reflektion/Interaktion, damit ich mich voll entfalten kann, um dann wieder zu einem lauen Lüftchen zu werden. Aber nein, sie zieht die Nummer voll durch. Lässt mich voll durchdrehen. Wenn sie die Klappe hält, ist das wie Benzin, das sie in meinen Wirbel wirft. Ein weiterer Blick: das Streichholz. Aus einem – für meine Verhältnisse – normaler Tornado wird nun dann ein Feuersturm. Und ich mache meinen Job gewissenhaft: Ich brenne alles nieder, was sich mir in den Weg stellt.

Das Perazin tut sein übriges, um mich anzuheizen. In mir klingen Millionen von Magnetteilchen, die nur auf sie ausgerichtet sind. Aber ich finde sie nicht, wenn sie ist so still ist; so passiv. Also schwirren die Magneten chaotisch in mir herum, auf der Suche nach ihrem Gegenpol.

Ich muss etwas zerstören.
Ich muss etwas ficken.

»Hi«, »Hallo«, »Hey«, »Wie geht’s Digga?«, werde ich offen begrüßt. »Sieht man dich auch mal wieder?« – Jaja, immer der gleiche scheiß. Smalltalk. Dieselben Fragen, dieselben lahmen Vorwürfe und noch lahmere Ausreden.

Ich habe die Maske auf. Ich mache einen auf Normal.

Auf einmal merke ich, wie mein Magnetwirbelsturm in eine Richtung schwingt. Erst nur leicht, aber dann zieht es mich ins Wohnzimmer.

Im ersten Moment denke ich, ich spinne. Denke, dass sie es ist. Aber das kann nicht sein, nein. Ich hab’s mir bloß eingebildet. Sie ist blond. Ich fasse mich schnell. Sie sieht mich an. Oh, ich kenne diesen Blick. Sie wirft ihn mir auf jeder scheiß Geburtstagsfeier, Pflichtgruppentreffen oder – wie heute – beim Wohnzimmer Public Viewing zu. Ich weiß genau, dass sie auf mich steht. Seit Jahren. Aber er ist mein fast bester Freund und sie seine Freundin. Ich habe nie irgendwas angestoßen. Nie irgendwelche Türen geöffnet. Im Gegenteil: Ich habe sie immer ignoriert. Vielleicht ist es das, was sie so reizt. Sie weiß, mich kann sie nicht haben.
Aber heute fallen mir Ähnlichkeiten zu ihr auf. Ich glaube, es sind die Haare. Nicht die Haarfarbe, aber die Art. Sie trägt sie jetzt anders. Warum fällt mir das auf?

Ich setze mich an den Rand, wie immer. Bloß weit weg von der Gruppe. Bloß auf Distanz. Bloß nahe der Tür, damit ich schnell flüchten kann, wenn’s drauf ankommt. Ich nehme mir ein Pussy-Bier; irgendwas mit Ingwer. Ich hätte lieber das Beck’s, aber ich muss noch fahren.

Während ich nippe, könnte ich schwören, dass sie mich mit Blicken fixiert. Was soll das? Warum tut sie ihm das an? Er ist ein super Typ. Selbst ich würde ihn ficken.

Es ist das Spiel. Sie will spielen.
Draufgeschissen. Ich spiel mit.

Wir gucken dieses verkackte Spiel: Deutschland gegen irgendwen. Deutschland gewinnt unverdient. Ich habe das richtige Ergebnis getippt und den Jackpot gewonnen. Ist mir egal. In Gedanken bin ich längst dabei, sie in den Arsch zu ficken. Mein Gewissen hat sich vollends aufgelöst. Sie wollte mich nicht. Also nehme ich stattdessen sie – nur um mir zu beweisen, dass ich es kann.

Ich schmiede Pläne. Ich liebe die Jagt. Meine Pupillen müssen tellern, so sehr bin ich drauf. Ich schwör‘, ich kann sie riechen. Sie hat eine Note, die mir nicht gefällt, aber draufgeschissen, Fleisch ist Fleisch.

Ich mache das, womit ich bei jeder Frau jedes Alters, jeder gesellschaftlicher Stellung und Attraktivitätsliga landen kann: Ich ignoriere.

Sie kichert laut und schrill; versucht sich in den Mittelpunkt zu drängen, nur damit ich sie wahrnehme. Ich unterhalte mich nach dem Spiel mit einem Kumpel. Wir plappern belanglosen Zeugs. Ich hasse Smalltalk, spiele aber meine Rolle, ich werde dazu genötigt.

Ich gehe versuchsweise in die Küche, nur um zu sehen, ob sie nachkommt. Dort nehme ich mir ein frisches Bier aus dem Kühlfach. Sie und ihre Freundin stehen wie durch ein Wunder hinter mir. Die Küche ist eng. Ich drücke mich kommentarlos an ihnen vorbei.

Die Gruppe beschließt noch in die Altstadt zu ziehen. Der deutsche Sieg muss gefeiert werden. Ich bin dagegen – wie immer. Aber ich werde gar nicht erst gefragt, weil die Leute wissen, dass ich eh nein sagen würde. Ich werde einfach mitgeschliffen, wie ein Reiter, der mit einem Fuß noch im Steigbügel hängt.

Eigentlich kommt es mir gelegen. Manchmal mag ich Menschenansammlungen. Ich kann dann in der Anonymität untertauchen. Ich pulsiere mit, aber bin nicht im Fokus. Ich bin einer von vielen. Und wenn ich mich ganz doll anstrenge, merkt niemand, dass ich der Alien unter ihnen bin.

Wir gehen auf den Klosterplatz. Hier tobt das Leben. Alle feiern, jubeln mit ihren Schals, Flaggen und T-Shirts. Die Kneipen sind rappelvoll, trotz des guten Wetters. Wir kriegen nicht mal einen Stehtisch. Ich finde das so bescheuert hier mitten im Raum zu stehen und zu warten, dass was frei wird. Es dauert eine Ewigkeit, bis sich eine Gruppe erhebt und eine Tischbank frei macht. Zwei von uns müssen stehen, aber das macht nix. Sie genießt es, am Tischrand zu stehen und die Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Sie denkt, sie ist ein Prinzesschen. Ist sie nicht. Mein Kumpel verwöhnt sie, überschüttet sie mit Komplimenten und Anerkennung. Manchen Frauen tut so was nicht gut. Sie denken, sie müssten nur einmal Lächeln und schon steht ihnen jede Tür offen. Sie denken, sie können sich alles erlauben, Grenzen überschreiten, und es dann mit dem Schulmädchenblick ungeschehen machen. Ich habe kein Bock auf die Nummer. Ich blicke bewusst an ihr vorbei. An der Theke entdecke ich eine Rothaarige. Sie ist schon ehr mein Geschmack.

Ich fahre jetzt die komplett andere Nummer. Ich bin charmant. Mein Blick verändert sich. Ich grinse sie vom Weiten an. Sie bemerkt es. Sie tut so, als hätte sie es nicht getan, aber ich hab’s gesehen. Sie ist interessiert. Ihr Freund kommt dazu. Er legt einen Arm auf sie. Ja, ich weiß, was das heißt, aber ich kann’s nicht verhindern, dass ich sie weiter belauere. Sie wirkt zunehmend nervöser; tritt von einem Bein aufs andere. Der Arm ihres Freundes lastet schwer auf ihr. Er scherzt mit seinen Kumpels und beachtet sie nicht weiter. Sie beachtet dafür jetzt mich. Schüchtern und irgendwie entschuldigend lächelt sie mich an. Ich mache mein Wolfgrinsen. Es schreit nach Sex. 13310556_1039277382816756_250608595268061269_nDie Magneten in mir beginnen wieder zu pulsieren. Sie kichert mit ihrer Freundin. Sie tuscheln. Ihre Freundin wirft mir einen Blick zu, will mich abchecken. Ich nicke ihnen zu und grinse noch eine Spur breiter. Die Dunkle zieht die Augenbraue hoch. Ich merk schon, an die kommt man nicht so leicht ran. Ist mir auch egal, sie ist nicht mein Typ. Ich steh‘ nicht so auf Kurzhaarfrisuren. Ich muss in etwas reingreifen können, wenn sie mir einen bläst. Das ist mein Fetisch. Und diesen nehme ich ernst.

Clarissa – so habe ich sie innergedanklich genannt – zerrt die Rothaarige unter dem Arm ihres Freundes weg und kommt auf mich zu, mit ihr im Schlepptau.

»Hi«, sage ich und grinse breit.

»Wir sind mit unseren Freunden hier, ist dir das nicht aufgefallen?«

Und dann sage ich den vermutlich bescheuertsten Satz meines Lebens: »Na, dann seid ihr ja schon gut eingeritten.«

Die Rothaarige schnappt nach Luft und dreht sich hektisch um. Clarissas Mund schnappt auf und zu wie der, eines Koi Karpfens. Ich beachte sie nicht weiter. Ich fokussiere ihre Freundin. Ihre Wangen haben den perfekten Rosé-Ton. Ich liebe blasse Haut – und noch mehr mag ich es, wenn sie errötet. Ich stehe auf. Ich überrage sie um fast zwei Köpfe. Damit sie sich nicht unbehaglich fühlt, schubse ich die mittlerweile verstummte Prinzessin auf meinen freien Platz und setze mich an ihrer statt auf die Tischkante. Es ist eng im Raum und sie wird mir quasi zwischen die Beine gedrückt und gedrängt. Meine Nähe macht sie noch verlegener. Ihre Freundin schnauft missbilligend.

»Ich will dich ficken«, sage ich geradeheraus; der vermutlich zweite bescheuerte Satz an diesem Abend, denn ehe ich es mich versehe, explodiert eine Faust in meinem Gesicht. Ich höre, wie meine Freunde empört aufstehen und lautstark Beleidigungen austauschen. Ich muss mir die Nase zuhalten – mal wieder. Sie ist nicht gebrochen. So was merk‘ ich sofort. Ich merke auch, dass ich es übertrieben habe. Ich rede beschwichtigend auf alle ein. Erkläre, dass es mir leid tut. Ein Missverständnis. Sorry Bro, aber … Blah-Blah-Blah. Die Gemüter beruhigen sich wieder. Als ich sicher sein kann, dass das ganze nicht in einer Massenschlägerei endet, gehe ich auf die Toilette, um mir das Blut abzuwischen. Ich bin nicht pissed. Denn ich hab’s verdient. Es war genau das, was ich gebraucht habe. Es war nicht die Rothaarige, realisiere ich, ich wollte was aufs Maul kriegen. Belustigt schaue ich in den Spiegel; auf meine schiefe Nase; auf mein vollgesautes T-Shirt. Was soll’s?, das war’s wert. Mein Magnetismus ist wieder in Einklang.

Die Tür schwingt auf und zu. Die Toilette ist gerammelt voll. Ich will grade in eine freigewordene Kabine gehen, weil ich pissen muss, als Prinzesschen auf einmal neben mir auftaucht.

»Geht’s dir gut?«, fragt sie.

»Mir ging’s nie besser.«

»A-aber du blutest…«

Ich wiederhole: »Mir ging’s nie besser.«

»Hast du Schmerzen?«

Ich reagiere gereizt: »Wo ist eigentlich M-« Weiter komme ich nicht, denn sie drückt mir ihren Mund auf. Im ersten Augenblick denke ich an sie. Körpererinnerung. Eine trügerische Gedankenverlinkung. Dann verbanne ich den Gedanken in die hinterletzte Ecke. Ich schiebe ihr meine Zunge in den Hals und drücke sie in die Kabine rein. Meine Hände grabschen ihren Arsch an. Er ist gar nicht so übel. Ich drücke sie an die geflieste Wand neben den Spühlkasten. Ich schiebe ihr Top plus BH hoch; greife fest zu; kneife ihr in die Nippel. Sie sind hart wie Kirschkerne. Sie stöhnt mir irgendwas in den Mund. Ich hasse Zärtlichkeiten, deshalb drehe sie um. Ich will ihr dummes Gesicht nicht ansehen; einfach meine Augen zu schließen, kommt nicht in Frage; ich schließe nie meine Augen beim Ficken. Umständlich öffne ich meinen Reißverschluss. Sie ihren auch. Bereitwillig steckt sie mir ihren Arsch entgegen, als ich mir das Kondom überziehe. Warum hatte ich überhaupt welche dabei? Ich spar‘ mir all den Scheiß und stecke ihn rein. Sie keucht, während ich sie ficke. Auf der anderen Seite der Kabine hört man Jubel und Beifall. Mit rhythmischen Stößen klatscht mir ihr Arsch entgegen. Ich umfasse ihre Hüften, um den Takt vorzugeben. Es dauert nicht mehr lange, dann komm ich. Sie wird lauter. Ich liebe es, wenn es laut ist. Ich liebe es auch, wenn zugehört wird. Auf einmal ist meine soziale Phobie wie vom Erdboden verschwunden. Ich bin da. Ich will wahrgenommen werden. Ich mache Show; bin ein Pornostar. Prinzesschen hat den Dreh jetzt raus und weiß, wie sie sich richtig bewegen muss. Ich drücke sie mit vollem Oberkörper gegen die kalte Wand, halte ihre Arme fest umschlossen hoch über den Kopf, nur ihr Arsch ist gestreckt, sodass ich gut rein und raus komme. Sie ist alles andere als passiv. — Ich denke nicht an sie, ich denke nicht an sie. – Sie will es. Sie will mich; wollte mich schon immer. Mein narzisstisches Ich ist so was von geil auf dieses Gefühl. Als sie meinen Namen stöhnt, spritzt es aus mir heraus. Meine Magnetteilchen explodieren, spalten sich bis ins kleinste Atom. Ich kann kaum noch aufrecht stehen. Meine Knie sind butterweich. Ich bin verschwitzt. Die Nase beginnt wieder zu bluten. Ist sie gekommen? Ist es mir wichtig? Nicht wirklich.

»Ich-«

»Nein.«

»Aber-«

»Nein!«

»Du ka-«

»Nein!«

»Soll i-«

»Zieh dich an«, sage ich schlicht. Sie will sich zu mir umdrehen. Ich will das nicht. Ich will ihre dumme Fresse nicht sehen. Erst jetzt denke ich an meinen fast besten Freund. Nein, das ist gelogen. Ich habe schon vorher an ihn gedacht – er war mir egal. Ich bin nicht mal besoffen oder auf Droge. Nicht mal darauf hätte man es schieben können. Ich bin einfach ein Arschloch.

»Hast du Kippen dabei?« Ich wollte eigentlich gar nicht mit ihr reden, aber ich will eine rauchen. Aus dem Augenwinkel erkenne ich ein Nicken.

»Her damit«, sag ich ziemlich un-nett. Ist mir egal. Ich will nicht nett sein. Sie greift in die Hosentasche und gibt mir eine. Ich knalle den Toilettendeckel runter, setze mich darauf und schiebe sie zur Tür. »Feuer.« Das Feuerzeug klickt. Ich nehme einen Zug. Im Waschraum ist es ruhiger geworden. Ich nehme noch ein paar Züge. »Geh vor. Damit er uns nicht zusammen kommen sieht.« Mit diesen Worten will ich sie fortschicken.

»Du bist so ein Arsch!«

Ja. Ich weiß.

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