Schicksalsjahre einer Kaiserin

sissiGirl1

Kaiserin?, werdet ihr euch jetzt fragen.
Jawohl, Kaiserin!
Ich bin die Kaiserin der Bekloppten.
Das offiziell gekrönte königliche Oberhaupt der Gemeinschaft der mental Degenerierten.
Die Abstimmung verlief einstimmig.

Der heutige Tag war eine Katastrophe.

Warum ich mich in Onlinespielen verstecke, sollte spätestens in den nächsten 4 bis 6 Minuten klar sein. Ach, wäre ich doch bloß mit meinem Hintern in Azeroth geblieben und hätte mich der Ackerbearbeitung hingegeben… Stattdessen hatte ich mal wieder eine Schnapsidee, die ausgesoffen werden musste.
Auf Ex.
Nicht lang schnacken – Kopf in Nacken.
Hau wech‘ die Scheiße.
HICKS.

In einem enthusiastischen Anfall von kaiserlicher Göttlichkeit und genereller Unfehlbarkeit meiner Person, beschloss ich mal wieder einen auf Musterpatient zu machen und begab mich in die fürsorglichen Arme der Alt-68er-Psyhotherapeuten-Gilde.

Gilead IV – my Onelifestand.

Der rote Teppich blieb wie immer aus.
Niedriges Pack. Maden! Gewürm!
Ach, was red‘ ich? Ich habe nichts anderes erwartet.

Die Kaiserin hält also Einzug. Vorbei an den paffenden Narren, die kichernd vor den Toren stehen und meinereiner bewundern.
WTF?! Noch nie nen Menschen gesehen, Subs?
Selbst als ich das Wort an sie richte, um nach den Weg zu fragen, sind alle so von mir hingerissen, dass man die Worte aus meinem Mund nicht zu (be)greifen scheint. Fragend, wie die blaue Raupe aus Alice im Wunderland, werden Rauchkringel in die Luft gesandt. Der Respekt vor meiner Herrlichkeit scheint immens zu sein, denn ich bekomme keine Antwort.

Eure Majestät schreitet wagemutig voran, obwohl sie lieber irgendwo ne Quest in irgendeinem anderen Spiel spielen würde.

Ich schaffe es bis an die Rezeption und melde Hochwürden an. Hochwürden wird würdelos auf eine lächerlich bestückte Stuhlreihe im zweiten Stock verwiesen.

Dort sitzen sie: die Stricklieseln.

StrickliesenIch gehe davon aus, dass es ein Abkommen zwischen Bekloppten-Aufsichtsbehörde und Wollindustrie besteht, anders kann ich mir das nicht erklären, warum alle Welt stricken muss. Ist das noch Skill? Gehirnwäsche mit Lobotomie-Nadeln, die suggestiv freundlich auf den Patienten einwirken sollen? Oder ist das Gruppenzwang?
Apropos Zwang: Mein Thron ist zu klein – wie immer – für meinen Luxusarsch á la Nicki Minaj.
Ich versuche es mir so bequem wie möglich zu machen und denke mich weg.

Ich denke an den Raid von gestern Abend. Ich war gar nicht mal so schlecht. Ich habe gemacht, was man mir gesagt hat und ich bin erfolgreich durchs Spiel gekommen, ohne großartig negativ aufzufallen. Aber nicht, dass sich jetzt so was wie stolz oder gute Laune den Weg nach oben bahnt, oh nein, denn wenn meine Fehler keiner mitbekommen hat, war aber immer noch Verlass auf meinen Lieblingstank! Ein „Don’t suck!“ erinnert mich an meinen raidtechnischen Stellenwert: unten – ganz weit unten. Ich spielte jetzt Erste Liga. Egal, voller Euphorie drückte ich mein HealingTide.
Obacht: Dabei handelt es sich um das „große dicke Heildings“ wie ich es immer genannt habe. Die Profis sagen dazu „HealingTide“. Ja, ich hab‘s googeln müssen.
Ich drückte also Knöpfe an den richtigen Stellen und den richtigen Momenten. Ich fühlte mich wahrlich kaiserlich. Ach, quatsch, ich fühlte mich göttlich! Ich konnte alles – auch über Wasser laufen! – denn ich war ja Schami.
Am Ende vom Tag blickte ich auf 10/14 HC zurück und freute mich.

Die Stricklieseln müssen gedacht haben, ich hätte in die Hose gepinkelt, als ich so selig in meinem viel zu engen Stuhlgefängnis dasaß und vor mich hin grinste. Erst jetzt merkte ich, dass mir irgendwie … komisch zumute war. Ich konnte nicht richtig gucken und mein Kopf war auch schon mal klarer.

„Marsensen?“

Ja – fast – hier.

Ich muss das schnell klarstellen, sonst spricht sie mich die ganze Zeit mit falschem Namen an und das nervt mich.
Beim Rauszwängen aus dem Stuhlgefängnis beginnt sich die Zeitachse schneller zu drehen – huch. Mein Kopf dröhnt. Vodkaaaa-Single-Paaaaarty-YEAH. War da nicht auch noch was mit 15 mg Zolpidem und einer geilen Kissenschlacht letzte Nacht? Fashbackartig rast es durch meine Hirnwindungen. Der Moment, in dem ich hätte Aufklärung betreiben sollen, ist vorbei. Stattdessen wird mir übel.

Ob sie sauer ist, wenn ich ihr auf die Akten kotze?

Ich schluck‘s runter. Genauso die Fehlnennung meines Namens.
Draufgeschissen, wir kennen uns eh nicht so lange, dass wir uns unsere Namen merken, Freundschaftsbänder tauschen oder uns ein YES-Torty teilen.

Ah. YES-Torty. Sie kommt direkt zum Punkt. Sie will mir eine Essstörung unterjubeln. Joar, bitch, ist klar. Du guckst mich einmal an und denkst, du wüsstest alles über eure Hoheit?
Drauf geschissen².

Ich scanne aus Spaß trotzdem mal: schütteres weißes Haar, nervöses Augenflattern, recht pummelig – alles klar, da wird wohl jemand was zu kompensieren haben. Check.
Ihr Alter? In etwa so alt wie die Schildkröte bei Momo.

Wir quatschen. Machen Smalltalk. Ich hasse Smalltalk. Ich versuche auf wichtigere Themen hinzudeuten.
Sie hat meinen Bewerbungsbogen vor sich liegen. Lies doch mal darin, versuche ich sie telepathisch zu animieren. Die Botschaft kommt an! Sie nimmt den Zettel und … blättert. Und blättert. Ich habe bereits eine Akte im Hause Gilead IV.
Es dauert ewig.
Ich schweife ab: Frage mich, ob ich noch genug Mats für ne neue Waffenverzauberung habe. Frage mich, ob ich nach dieser Anhörung heute noch Bock auf’n Sellrun habe.

Mein Kopf pocht im Polka-Takt.

Da! Sie hat was gefunden, dass sie zu interessieren scheint.
Selbstmordversuch.
Yo, immer ein guter Einstieg, sich kennenzulernen.

Ich erzähle ihr von meinen Erkenntnissen, die ich anhand meines verfickten Lebens gewonnen habe. Sie fragt, was ich hier will. Ich sage ihr, was ich will: Trauma-Therapie.

Sie redet von: Tagesklinik.
Ich sage: Fick dich.

Hab‘ ich nicht gesagt, hab‘ aber so geguckt.

 

Ich habe keinen Bock mehr mit der zu reden. Sie ist doof und ihr Augenflattern geht mir auf den Piss. Mein falsch ausgesprochener Name auch.

Ich beginne mich zu langweilen.

Sie monotoniert irgendwas vor sich hin. Will mir was von na Essstörungsklinik erzählen.
Ich will ihr was über Amoklauf erzählen.
Die Lieder flattern. Was ist das nur? Nascht die heimlich am Schränkchen oder ist das ein Tick? Arbeitet die hier überhaupt?! Ja, da sind ein paar Schlüssel an einem Band. Daran erkennt man die Bekloppten und die Bekloppten-Aufpasser.

Schlüssel : gesund.
Stricknadeln: krank.
Easy.

Ich warte auf einen „Comment to go“ und mache Anstalten aufzustehen. Na, das lief doch gar nicht so schlecht. Die letzte Besprechung, die ich hatte, ist 3 Jahre her und war emotional auseinandergegangen:

„Sie brauchen hier nicht wieder herkommen!“
„Mach erst mal nen richtiges Studium, bevor du mir mit deiner 1st-Semenster-Diagnostig-Scheiße kommst!“

Im Vergleich dazu haben Flatterauge und ich ein kultiviertes Gespräch bei einer guten englischen Tasse Tea.
Sie zählt mir Möglichkeiten auf. Ihre Idee ist eine psychotherapeutische Gesprächstherapie. Ähm, ja. Warum war ich hier? Ach, ja, Trauma-Therapie. Wir sind uns einig – YAY!

Option A: Krankenkasse anrufen und Therapeutenliste erfragen

Option B: Irgendeine Grüne Liste. Kostest irgendwas von 7 € obwohl es die Infos bestimmt auch im Internet gibt. Apropos Internet: Seufz, ich vermisse dich, Baby.

Option C: Ernährungsberatung

WTF, denke ich und suche den Off-Button, der mich das Spiel verlassen lässt.

Die PanikWutScheißeLeckmich muss in meinen Augen aufgeblitzt haben, denn auf einmal erzählt sie mir was von Dissoziation. Denkt die, sie kann mich beeindrucken mit ein bisschen Psychologie? Am Arsch, Schwester. Ich lasse einen Kommentar dazu ab und packe meine Tasche. Das Gespräch ist beendet. Ich will nach Hause.

 

Zu Hause angekommen, sinkt auch mein Adrenalinspiegel wieder auf Normalniveau. Mir wird noch ne Ladung schlechter. Ich könnte kotzen. Ich schnapp mir meine kluge Liste und gucke mir den Skill-Katalog an, der mich davon abhalten soll … Ach, ich weiß auch nicht, was ich will.

An dieser Stelle entscheide ich mich für meinen guten alten russischen Freund Gorbatschow. Mein Plan steht: Wir prosten uns zu und folgen dem Stern.vodka

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