Problemkind

Ich wache auf. Ich sehe ihn. Er triggert mich. Ich kollabiere innerlich.

Ich habe Angst. So eine verkackte Angst. Am liebsten würde ich ihm den Hals umdrehen, damit es endlich ein Ende hat. Ich weiß nicht warum, aber ich ertrage diesen Anblick nicht. Diese Typ- und Verhaltensänderung macht mich wahnsinnig. Irgendwas muss in meinem Leben passiert sein, dass ich so darauf abgehe, aber ich weiß nicht was. Der Türsteher in meinem großen innerlichen Geisterschloss leistet gute Arbeit. Er lässt mich nicht rein.

Ach, leck mich, ich will auch gar nicht.
Ich will nur, dass es aufhört.

Gestern war eine Katastrophe.

Fazit: mit 40 mg Diazepam sabbernd vor der Glotze eingepennt. Das ist bis dato der Highscore. Darauf hab ich noch 50 mg Perazin, 100 mg Promethazin, mein Geheimmedikament und ’ne Eisentablette gepackt.

Endlich, endlich habe ich aufgehört zu heulen.
Aufgehört zu fühlen.

Bis heut Morgen.
Da ging alles wieder von vorne los.

Der Blick ins Körbchen. Das nicht genervt werden. Ablehnung. Vorwurf. Versagen. Schuld.
Ich kann nicht mehr.

 

Weitermachen …

Kaffee. PC. Milchbrötchen. Internet checken.
Ach, fuck, was für ’ne Scheißidee.
Alles wird noch schlimmer.

Ich werde gezwungen darüber nachzudenken, wann ich meinen Glauben an Gott verloren habe.

Ich werde daran erinnert, welche Lügen man mir aufgetischt hat. Oh, es waren so viele. Warum ich bei meiner History manchmal ins Straucheln komme? Warum ich manchmal so lange brauche, um zu antworten? Warum ich mich in Widersprüche verstricke?
Weil ich so viele Versionen von Wahrheit kenne.
Ich weiß nicht, welche die Richtige ist. (*Verzweiflung!*) Die Aussagen widersprechen sich und schließen sich manchmal sogar aus.

– Fakt ist, ich bin ohne Vater aufgewachsen.
– Fakt ist, mein Vater war zu präsent.
– Fakt ist, ich weiß nicht, wie Lieder über eine Minute weitergehen.
– Fakt ist, ich weiß wie alleine man sich fühlen kann inmitten von anderen Trinkern und Spielern.
– Fakt ist, ich weiß wann und wie man Verantwortung für eine Familie übernehmen muss.
– Fakt ist, ich weiß was Alkohol aus einem Menschen und einer Familie machen kann.
– Fakt ist, ich weiß was Kiffen wirklich ist. Wie es auf die Kinder wirkt. Wie sich ein Suchthaushalt führt.
– Fakt ist, ich weiß, wie es ist, wenn die gesunden Drogen, die ja so viel besser und natürlicher sind, als Bourbon, mal nicht mehr im Haus vorrätig sind. Was Süchtige dann machen. Wie es von statten geht, dass Väter sich in Gollums verwandeln, den man den Schaaaaatz weggenommen hat.
– Fakt ist, ich weiß wie sehr man gleichzeitig lieben und hassen kann.

Jeder, der ein Elternteil verloren hat, wünscht es sich zurück. Das ist natürlich. Man wünscht sich immer das, was man nicht kennt.

Nachts mit dem längsten Messer im Haushalt vor der Schlafzimmertür zu stehen und Elternteile abschlachten zu wollen – dass ist dann nicht mehr so natürlich. Das gehört zu den Dingen, die kein Kind fühlen sollte.

 

Es gab immer nur Stress mit mir. Ich war ein Problemkind. Von Anfang an. Ich war immer daneben. Immer drüber. Immer unheimlich. Keiner mochte mich als Kind. Ich war gewaltbereit und aggressiv. Habe nach anderen Kindern geschnappt. Ich war ein Beißer. Biss mich durchs Leben und die Gesellschaft. Wenn mir jemand zu nahe kam, hielt ich ihn durchs Beißen auf Distanz.

Ich weiß noch, wie ich mich nach Normalität gesehnt habe, in den ersten Jahren. Die Erinnerung ist schwach, aber sie ist da und sie ist real. Ich wollte unsichtbar sein. Niemand sollte mich sehen. Ich wollte verschwinden, mich auflösen.
Dann habe ich das komplette Gegenteil gemacht: Ich wurde ein Punk. Der schrillste Vogel in meinem kleinen Nest. Alle kannten mich. Alle. Das ganze verfickte Hinterland.

 

Was mich zum nächsten Thema bringt:
– Gott.
– Kirche.
– P.

Als ich meinen Glauben an Gott verloren habe:

Ich lag im Bett. Ja, in dem Bett. Wir hatten Dachschräge. Aus dem Winkel heraus konnte man den Sternenhimmel im Klappfenster sehen, dass man nie richtig dunkel machen konnte. Immer schien Licht herein. Das erste was ich bei meinem Hauskauf und bei allen anderen späteren Wohnsituationen beachtet habe, war, dass es Jalousien gibt. Das war das Wichtigste für mich. Es musste Dunkel sein, kein Licht durfte hineinkommen.

Ich weiß noch, wie ich an das Fenster gestarrt habe. Ich habe das gedacht, was alle kleinen Kinder oder semi-Erwachsene denken: Gott, wenn es dich wirklich gibt, dann gib mir jetzt ein Zeichen. Ich spreche in größter Not zu dir. Wenn du mich kennst, wirst du wissen, dass ich nicht lüge und dass die Kacke gerade wirklich am Dampfen ist. Ich brauche jetzt ein Zeichen. Einen Hinweis, dass es dich gibt und d– …und dann glitt die Tür auf.

Ich habe nie wieder gebetet. Nie wieder an einen Gott geglaubt. Ich war nicht beleidigt oder so. Ich war geläutert. Ich war aufgeklärt. Und ich war beschämt. Beschämt darüber, dass ich ihn in Erwägung gezogen habe. Dass ich so verzweifelt war, dass ich mich einer Illusion hingegeben habe. Ich war naiv. Ich war dumm. Ich habe es mir leicht machen wollen, indem ich Gott um Hilfe bat. Ich war sauer auf mich selbst.

 

Ich und die Kirche:

Schon früh habe ich mich gegen die Kirche gewehrt. Meine Mutter und fast-nicht-oder-doch-vorhandener Vater sind beide gläubig. Ich musste mit. Solange, bis ich mich wehren konnte; meine Mutter mich nur mit Geschrei und Problemkind-Drama-Rama in die Kirche gekriegt hätte. Aber das wäre ja peinlich und auffällig gewesen, also hat sie es gelassen.

Ganz ganz früher musste ich zur Bibelstunde.

Dort haben mich alle gehasst und gemieden. Ich erinnere mich daran, wie man mich ausschließ.
Ich war komisch. Ich biss. Man hat Dinge wie Teufel hinter der Hand gesagt.
Ja ne, is klar. Mein nicht-vorhandener-keine Ahnung-wo-er-gerade-ist-Vater, der nur am Saufen und am Kiffen war, war der treue Kirchengänger und rechtschaffend, aber ich, dass verstörte Kind, war der Teufel in Persona. – So viel zu dieser Kirchengemeinde und ihren moralistischen Werten.

Mit 13 zwang mich meine Mutter zur Konfirmation. Es war ihr das wichtigste im Leben. Dieses gesellschaftliche Event, würde die Erfüllung ihrer christlichen Träume werden! Nur noch die Zurweltbringung Jesu würde das noch toppen können. Ich wollte nicht mitträumen. Ich wollte zu einer Mai-Demo.
Sie versuchte alles: lockte mich mit Geld und mit Geschenken und erpresste mich emotional. Sie war die beste Erpresserin des Universums. Ich gab irgendwann nach, weil sie Tag und Nacht auf mich einredete. Zermürbung war ihre Superkraft.

Das war das erste Mal, das ich gegen meine Überzeugung gehandelt habe.

Wir machten einen Deal aus: Ich ging zum »Pappen« und würde konfirmiert werden, und ich dürfte bei der Feier tragen, was ich wollte.

Handschlag.

Ich erschien im Punk-Outfit: schwarze Jeans, schwarzes Knitter-Shirt, gelbe Springerstiefel mit Stahlkappe; begleitet von der Geringschätzung der Kirchengemeinde und dem vor Scham geröteten Gesicht meiner Mutter. Ob mein Vater da war? Keine Ahnung^^

Warum der Pastor meinen Auftritt zugelassen hat? Dazu gleich später.

Im Nachhinein betrachtet: Kinderkacke. Albern. Pubertär.
Aber dennoch: mein Triumph.

 

Das Thema P.

P. war unser Pastor.
P. und ich standen von Anfang an auf Kriegsfuß. Ich hab ’ne Menge klugscheißerige Fragen gestellt: »Waren die Kindeskinder von Adam und Eva Produkt eines inzestuösen Verhältnisses?«, »Wie erklärt man sich die Dinosaurier? In Museen stehen doch die Beweise.«, »Warum missbrauchen Priester Chorknaben?« (Das machen nur die Katholiken!!!!1 *spuckkreisch*), »Warum darf man nicht verhüten, wo doch in Afrika Aids vorherrscht und die Überbevölkerung uns Menschheit das Genick brechen wird?«, »Ach, und warum schlagen sie Ihre Kinder?«

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Letztere Frage, war sein größtes Problem.

Pastor P. hatte 5 oder 6 Kinder, ich weiß es nicht mehr. Alles blasse verschüchterte Baumartige lange Wesen, denen die Unglücklichkeit aus dem Gesicht sprang. Einer von ihnen ging in meine Klasse; jeder Jahrgang hatte ein P.-Sprössling in der Klasse. In der Umkleidekabine kam so einiges an elterlichen Missetaten ans Licht. Er war nicht der einzige, der grün und blau geschlagen wurde, aber er war der einzige, dessen Vater am Sonntag Liebe und Rechtschaffenheit von der Kanzel predigte.

Ich, das Problemkind, welches sich die Rettung der Welt auf die Fahnen geschrieben hatte, tat, wozu ich berufen wurde: Probleme.
Ich sah nicht weg. Ich sprach an.
Das kam gar nicht gut.
P. hasste mich mindestens genauso sehr wie die Moslems. Ich war ein richtig mieser Stachel in der Wunde, der mit jeder Unterrichtsstunde mehr eiterte.

Dann hatten wir die Pappenfahrt. Die Konfirmationsgruppe machte übers Wochenende einen Ausflug. Ich kürze ab: Er schlug einen von seinen Schutzbefohlenen, weil er auf dem Bett eines Mädchens saß.

Ich war Zeuge, als es Klatschte.

Ich schluckte meine Impulsivität hinunter und plante stattdessen auf lange Sicht.

Ein paar Wochen später, saß ich beim Oberbürgermeister im Büro und musste ein Geständnis unterschreiben.

Ich musste gestehen, dass ich »P. ist ein Kinderficker« an die weißeste Wand der Dorfgrundschule gesprüht hatte, wo es jeder sehen konnte.
Ich gestand gerne.
Ich war rechtschaffen und moralisch auf Pseudogottes Seite.

Kosten für meine Eltern: 700 DM für die Malerarbeiten und große Beschämung bezüglich ihres Problemkindes.

 

Danach war das Verhältnis zwischen Konfirmationsgruppe und Pastor P. restlos vergiftet. Es gab noch eine offene Elterngesprächsrunde, weil ja immerhin ein Kind geschlagen wurde. Es wurde sich darauf geeinigt, dass alle durch die Prüfung kommen würden – ohne Prüfung. Ja, das ging tatsächlich! Wir mussten kein Vaterunser mehr aufsagen. Wir wurden einfach schnell durchgewunken, damit das Thema schnell vom Tisch kam.

Für die Klasse war ich kein Problemkind. Ich war ihr Held, weil sie nicht mehr lernen mussten. Für meine Mutter war ich eine Enttäuschung – nicht Pastor P., die Kirche oder die Eltern, die keine Zeit und Lust hatten, sich mit diesem Problem richtig auseinanderzusetzen. Der heuchlerische Deal stank bis zur Himmelspforte ihres Pseudogottes. Hauptsache viertel nach Acht vor der Glotze sitzen und Tatort gucken. Hauptsache geregeltes Einkommen und 14 Tage Malle, einmal im Jahr.

 

Das große Finale war dann ich, wie ich mit meinen gelben Springerstiefeln durch das Kirchenschiff schritt, um meinen gerahmten Psalm-Spruch entgegen zu nehmen:

Sprüche 31,8
Tu deinen Mund auf für die Stummen und für die Sache aller, die verlassen sind.

P. guckte mich nicht einmal an.
Ich grinste, wie es sich für ein Problemkind gehört.

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