Lau

»Fotze!«

Sie holt weit aus und schallert mir eine.

Ich wollte doch etwas fühlen. Bitteschön.

Meine Wange glüht. »Verdammte scheiß Kuh!« Sie dreht sich um. Weg von mir. »Hast du sie noch alle? Bist du bekloppt?! Du bist so was von scheiße, ey.«

Sie geht weg. Ich hinterher. Ich motze mich richtig aus und beschimpfe sie mit Hure, Schlampe, Arschkuh, Real Life-Versagerin und alles, was mir sonst noch so einfällt. »Bleib gefälligst stehen, wenn ich mit dir rede!« Das Gegenteil ist der Fall. Sie läuft einfach weiter. Ich jage hinterher.

Ich versuche sie zu packen. Sie schlägt meine Hand weg. »Bleib stehen!«

Mit einem Ruck tut sie es. Sie guckt mich an. Ich könnte ihr ins Gesicht treten. Teilnahmslos steht sie da, als ob sie das alles nichts angehen würde. Sie ist wie ein grüner Online-Punkt, der nicht zurück schreibt. Ich steigere mich so da rein, ich bin so wütend, ich … »Ich soll doch immer mit dir reden. Ich soll doch immer sagen, was mir nicht passt. Dann hör auch zu, verdammt!« In einer Endlosschleife an Beleidigungen lasse ich alles raus. Sie steht einfach nur da, im Auge des Sturms, und wartet darauf, dass ich fertig werde. Ich werde nicht fertig. Ich provoziere solange, bis ich eine Reaktion kriege. Ich brauche das, um wieder in die Bahn zu kommen und sie weiß das. Und anstatt das sie mir hilft, steht sie einfach nur da. Gelangweilt! Mir reicht’s! Ich schubse sie. »Interessiert dich das überhaupt, was ich sage?!« Keine Antwort. Alter!

Wieder dreht sie sich um, und will die Situation verlassen. Sie flüchtet. Feiges Miststück! Innerlich bin ich kurz vorm Kollaps. Ich stehe an einer Grenze, die nur in zwei Richtungen geht. Die eine: wieder zurück. Einlenken. Beruhigen. Eine rauchen. Noch mal sachlich über alles nachdenken. Realitätscheck. Oder: »Fick dich, du dummes kleines Miststück. Weißt du eigentlich, wie sehr du mich mit deiner Art ankotzt? Du bist ein dummes Scheißblag, ein Arschlochkind, das nicht mal in der Lage ist, eine Diskussion zu führen. Du kannst mich mal! Du kannst dich selber ficken! Ich werde dich mein ganzes Leben lang nie wieder anfassen. Ich scheiß auf dich! Du bist das Schlechteste, was mir je passiert ist. Ich-«

»Willst du dich trennen?«

»Ja.« Trotzantwort.

»Na, dann mach.«

»K.« Trotzantwort.

»Ist jetzt endlich Schluss?«

»So was von.« Darauf kannst du Gift nehmen!

»Sehr schön.«

Pfffft. Ich lache sie aus. Als ob sie das »sehr schön« finden würde. Die heult doch gleich! Die ist mega am Ende. Die ist verzweifelt. Die wird sich, sobald ich meine Sachen gepackt habe, dass Messer schnappen und ihrem lächerlichen Leben ein Ende setzen! »Sehr schön«, dass ich nicht lache! Was bist du ohne mich? Gar nix! Du bist Co! Du kannst gar nicht ohne mich!

Hach, ich bin so froh, dass das gerade passiert.

Endlich spüre ich etwas. Ich bin im Himmel. Meine Pupillen tellern. Ich bin voll im Adrenalin-Schmerz-Selbstzerstörungs-Rausch und liebe es! Die letzten Wochen waren so … so unwürdig. Diese Beziehung war immer Feuer und Eis. Hölle und Himmel. Schwarz oder Weiß. In den letzten Wochen und Monaten haben wir uns zu etwas entwickelt, was ich kaum ertragen kann: lau. Wir waren wie eine lauwarme Badewanne mit Schaum. Was issn das?! Wer soll das ertragen? Wer will so etwas? Ich kann damit nicht umgehen. Ich kann kämpfen oder ficken, aber diesen lauen Zustand will ich nicht haben! Ich muss etwas dagegen tun. Ich muss uns retten! Retten vor der Langeweile, vor der Einspielung, vor dem Alltag, vor dem nichts-mehr-Sein.

»Fotze!«, versuche ich es erneut. Und weil mir keine weitere Beleidigung mehr einfällt, mache ich ihr Vorwürfe. Ich halte ihr ihren Ex vor: Wie konntest du mit dem so lange zusammen sein? Was soll das gewesen sein? Wie blöd kann man sein? Was habt ihr eigentlich den ganzen Tag gemacht?

»Gefickt!«, schreit sie.

Dumme Kacknuss!
Insgeheim danke ich ihr dafür, denn ich komme gerade wieder schön drauf auf meinen Aggro-Trip. Ich mag es, wenn sie mitspielt. Alles ist besser, als dieses ständige Wegrennen oder passive über sich ergehen lassen.

»Ach ja? War das so toll?«

»Besser als mit dir!«
Autsch.
Aber: YEY!

Sie meint es nicht so, dass weiß ich genau. Ich grinse sie aus.

»Na, überleg‘ doch mal«, setzt sie nach. »Wann haben wir das letzte Mal gevögelt? Wann wollte ich etwas von dir? Wann bin ich das letzte Mal auf dich zugekommen und hab mir gewünscht, dass du mich flachlegst? Ich kann mich nicht mal mehr daran erinnern, du scheiß Kerl. Bockt mich nicht. Ich habe überhaupt kein Interesse mehr an deiner scheiß Fresse. Du kotzt mich nur noch an! Du nervst mich. Du gehst mir so dermaßen auf den Geist. Ich arbeite länger, damit ich dich nicht sehen muss. Mit ihm war das total anders. Wir sind wochenlang – ach, was red‘ ich – monatelang nicht aus dem Bett gekommen. Wir haben ununterbrochen gefickt. Das war so … hach. Es war ein Traum. Du hingegen bist ein Alptraum. Beziehungsgestört, kindisch, unreif, Dramaqueen und cholerisch! Du bist ein Wichser und blöder Hurensohn und ich weiß gar nicht, was ich je an dir gefunden habe.«

Applaus, Applaus für deine Worte.

Ich glaube, ich bin im Himmel! Endlich habe ich meine Kälte. Sie kriecht vom Gehörgang, direkt in mein Herz. Ich spüre, wie es bricht. Es ist dieses Kribbeln, welches man hat, wenn man in der Achterbahn sitzt und die Stelle mit dem freien Fall kommt. Es fühlt sich ein bisschen wie Schmetterlinge an, aber da sind keine Schmetterlinge. Da sind nur Fliegen, die sich auf mein verwesendes Herz setzen und darin ihre Eier ablegen.

Ich habe das Gefühl zu sterben. Endlich empfinde ich etwas. Es ist nicht schön, aber es ist etwas. Und – Erkenntnis des Tages – dieses kleine etwas halte ich nicht aus.

Ich schnappe mir die Autoschlüssel und Zigaretten. Nun flüchte ich. Wir haben die Rollen getauscht. Ich höre sie hinter mir her keifen. »FOTZE!«, werde ich nun genannt. Ich gehe in die Eisen. Drehe mich um. Stürme auf sie zu. Baue mich vor ihr auf. Ich hole tief Luft. Zeige drohend mit dem Finger auf sie. Sage ich etwas oder hau ich ihr direkt eine rein?

Nein, das würde sie nur wollen. Ich will ihr massiv wehtun. Ich spiele die Möglichkeiten durch, womit ich den größtmöglichen Schaden anrichten könnte. Ich hole noch mal Luft. Mein Finger hängt noch in der Schwebe. Ich …

Ich drehe mich um, und gehe.

Als ich die Tür zu knalle, merke ich, dass ich meine Schuhe vergessen habe. Das ist das Erbärmlichste, was ich je erlebt habe. Auf Socken stehe ich da rum; aber ich werde den Teufel tun und noch mal wieder reingehen. Sie soll sich die Rasierklingen schnappen und sich meinen verfickten Namen ins Bein ritzen!

Lächerlich stampfe ich zum Auto. Ich lasse mich auf den Sitz fallen und den Motor aufheulen. Die soll ruhig hören, wie wütend ich bin. Dann fahre ich los. Sie soll mitkriegen, dass ich gehe. Diesmal für immer! Ich fahre ein paar Straßen weiter; und merke schnell, dass ich so nicht fahren kann, denn ich habe tanzende Flecken vor den Augen. Ich biege auf den LIDL-Parkplatz ein und versuche erst mal wieder runterzukommen. Zigarette! Ich mache den Wagen an, um den automatischen Zigarettenanzünder an den Start zu bringen – mein scheiß Feuerzeug habe ich auch vergessen! Plong. Zigarette feuern. Ein tiefer Zug. Hach.

Hach! Hilfe, ich unterzuckere. Alles dreht sich. Schweiß bricht aus. Meine Gliedmaßen kribbeln. Ungeschickt krame ich nach dem Traubenzucker. Zitternd befreie ich ihn vom Plastik und kaue drauf rum. Ein weiterer tiefer Zug. Hach. Geht schon wieder.

Ich bin zufrieden mit dem Tag. Endlich Krieg. Endlich Feuer & Eis. Endlich etwas.

Ich hatte eine Panikattacke, einen psychotischen Schub, einen Zwangsgedanken, einen schlechten Traum: Wir würden immer weniger. Immer weniger Feuer, immer weniger Eis. Dafür lau. Aus dem »Lau« würde immer mehr Langeweile resultieren. Und irgendwann würde alles weniger werden. Und irgendwann wäre da nichts mehr. Dann würde sie mich verlassen. Ich würde zurückbleiben. Ich weiß, dass sie ihr Leben weiterführen würde. Sie würde jemand neues kennenlernen. Sich neu verlieben. Eine richtig gute nicht-destruktive Beziehung eingehen. Ihr Neuer würde über mich reden, wie ich jetzt über ihren Ex. Sie würden darüber lachen, auf was für einen Bullshit sie sich da eingelassen hat. Ich wäre nur noch eine Anekdote, eine Witzfigur, ein Ex in einer Reihe. Alles was mir zustand, hat jetzt dieser Kerl. Ich bin hin- und her gerissen zwischen gönnen und hassen. Ich habe ihre zukünftigen Ex-Freunde immer bemitleidet. Denn wie sollen sie gegen mich bestehen. Ich, das Optimum. Hach, lol. Ich hätte diese ganzen Beziehungen allein durch meine Abwesenheit vergiftet. So groß wäre meine Macht über sie. Aber das ist alles Pusteblume. Sie wird’s aus Trotz nicht so weit kommen lassen. Sie ist stark. Sie ist nicht nostalgisch. Sie packt dieses Gefühl, diese Ex-Beziehung, in die kleine Kiste unter ihrem Bett und holt sie nie wieder hervor. Sie macht es wie die Ägypter: Bestrafung durch das Ausradieren eines Namens. Vergessenheit. Nicht-existent. Ich habe keinen Einfluss mehr.

Ich spüre die Kälte in mir. Ich halte das Gefühl fest. Ich klammere mich dran, wie eine Zunge an einem gefrorenen Laternenpfahl.

  1 comment for “Lau

  1. Teremas
    31. Mai 2017 at 11:05

    So herrlich ungeschönt…
    Das ist Streit in seiner Reinform.
    Das ist Gefühl in seiner Reinform.
    Das ist Poesie in seiner Reinform.

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