Ich bin mein Gott – Version auf ohne Drogen

Ich bin mein Gott.
Ich bin der Herrscher über die Welt. Ich bin der Bestimmer meines Lebens. Ich bin das ganze Universum.

Ich bin mein eigener Gott.
Wenn ich mir Dinge – Probleme – erschaffe, dann nur zu meinem Vergnügen. Oder, um mich zu testen. Belastungsgrenzen einzäunen, definieren.

Wieder mal hier.
Wieder mal an diesem Punkt.

Wieder mal auf Diaz. Diesmal die Komplettdröhnung. Ich habe einfach in die Packung gegriffen und geschluckt.

Fuck, morgen werde ich zu Martin kriechen müssen, um noch mehr aus ihm rauszuleiern. Ich bin gut im leiern. Ich erzähl irgendeine Scheiße. Er ist es nicht wert, in die Komplexität meiner Gedanken und Gefühle einzutauchen. Er wird’s schon schlucken.
Denn ich bin mein Gott.
Die Statisten werden tun, was ich ihnen sage. Und wenn sie dies nicht tun, dann wird auch das einen Grund haben. Ich bin ein Gott mit extrem gutem Humor.

Die Droge wirkt. Ich deaktiviere meinen Account. (Achtung Spoiler: Ich deaktivierte meinen Account nicht, war zu blöd dazu.) Brenne die Brücken nieder. Kein Blick zurück.

Alles wird weich. Ich falle in dieses Teppichloch. Ich genieße das Gefühl noch für einen Moment. Dann mache ich was Irres. Es ist der Situation angemessen. Ich greife in die Schubladen und hole die Zigarettenpackung heraus, die dort seit Jahren im Verborgenen liegt. Feuerzeug. Wo zur Hölle habe ich das Feuerzeug gelassen? Hab’s. Ich nehme meine Autoschlüssel und fahre rückwärts vom Hof.

Rechts vor links.

Ich gucke noch nach links, obwohl ich weiß, dass von da nichts kommt. Ich muss nicht mal nach links gucken, denn ich weiß, ich habe Vorfahrt. Ich gebe also Gas, will um die Kurve. Ich scheppere fast in den Kombi einer Frau rein. Sie guckt mich mit großen Augen an. Ist geschockt, warum ich einfach fahre. Ich bin auch geschockt. Ich höre die Vorwürfe laut und deutlich. Ich wäre schuld; und ich hasse es, wenn ich Schuld an etwas habe. Ich entschuldige mich kleinlaut. Hebe entwaffnet die Arme hoch. Tut mir leid. Sie schüttelt den Kopf. Ich bin da voll bei ihr, ich hätte dasselbe getan.

Ich fahre auf Droge. Ich bin nur einmal in meinem Leben besoffen Auto gefahren. Es war aus Düsseldorf heraus. Das Intro von November Rain erklingt in meinen Ohren. Ich wische die Erinnerung beiseite. Das ist eine andere Geschichte. Ein anderes Buch. Ich bin im hier und jetzt.

Ich bin mein eigener Gott.
Und Gott sollte schleunigst die Kinder von der Straße nehmen. Ich tu’s. Die Straßen sind jetzt leer. Ich kann fahren ohne jemanden zu gefährden.

Ich weiß nicht wohin. Tausend Ideen schwirren mir durch den Kopf.

Ich bin ein guter Gott, aber ich will mein Schicksal nicht herausfordern, also suche ich mir etwas in der Nähe. Eigentlich will ich zurück zu meinem Spielplatz. Zurück auf die Schaukel auf die ich mich damals immer geflüchtet habe. Keine Ahnung, warum mein erster Impuls mir zu diesem Ort rät. Denn dies ist auch eine andere Geschichte. In einem anderen Buch.

Ich fahre vorsichtig in den Kreisverkehr. Erst hier fasse ich den Entschluss für mein Reiseziel. Ich nehme die Idee dankend auf, denn sie ist nicht weit. Die Fahrt ist nicht das Ziel. Das Ziel ist das Ziel.

Ein paar hundert Meter, dann biege ich rechts rein. Stelle mich auf den Parkplatz vor dem Wald. Schalte den Motor aus. Fahre das Fenster runter. Ich hole die Zigaretten hervor und öffne die Packung unbeholfen. Die Droge wirkt jetzt wieder stärker; jetzt, wo ich nicht mehr Acht geben muss, jemanden zu überfahren oder die Vorfahrt zu nehmen.

Ohne einen Gedanken daran zu verschwenden zünde ich mir meine erste Zigarette nach fast 10 Jahren an.

Ich weiß noch, als das Auto damals liegen blieb. Der Motor qualmte. Ich schaffte es grade noch bis zur nächsten Tankstelle. Von dort rief ich den Autoverkäufer an, von dem ich die Schrottkarre vor nicht mal zwei Stunden erworben hatte. Darrel, war sein Name. Und er versicherte mir, dass er kein Hai wäre, der Schrottkarren an gutgläubige Menschen verschacherte. Hach, lol.
Ich rief ihn an. Er sagte, er würde sofort jemanden schicken.
Ich war fremd: in einem fremden Land, mit einer fremden Sprache (Englisch ist eben nicht gleich Englisch) und fremden Menschen und fremden Gepflogenheiten. Ich glaube es war 70 Kilometer vor Christchurch. Ich war so im Stress, so nervös, so pissed. Ich  hatte die alte angebrochene Schachtel aus Deutschland noch im Rucksack. Ich weiß noch, wie ich da saß: verlassen, aufgeschmissen und verzweifelt. Ich war mutterseelenallein. Ich musste meinen Scheiß irgendwie regeln, mich durchbeißen, war auf fremder Leute Hilfe angewiesen – ach, ich hätte im Strahl kotzen können. Ich sagte mir, wenn du jetzt keine Zigarette rauchst, dann gibt es nie wieder eine Situation in deinem Leben, die so stressig ist, dass du eine Fluppe brauchst.

Und nun sitze ich hier.

Der erste Atemzug geht direkt auf Lunge, direkt auf den Kreislauf. Es katapultiert mich aus meinem Teppichloch heraus und setzte mich auf den knallharten Boden der Realität. Ich habe mir mein Nichtraucherdasein so hart erarbeitet. Ich bin enttäuscht von mir selbst.

Zug #zwei. Zug #drei. Zug #vier. Scheiße, brannten Fluppen schon immer so schnell ab oder bin ich zu gierig? Ich habe vergessen, wie ein richtiges Rauch-Timing geht. Neben mir halten Leute. Zwei Typen auf ’nem Roller. Ich überlege sie anzusprechen. Zwei wildfremde Leute einfach anzusprechen und sie zu fragen, was sie davon halten würden. Ich muss ganz schön drauf gewesen sein, dass ich diesen Gedanken echt in Erwägung gezogen habe.

Ich gucke auf eine Wand aus Grün.

Ich bin allein.

Ich bin risikobereit.

Ich bin selbstzerstörerisch. Ich bin selbstgefährdend.

Überlege ernsthaft nach McDonald’s zu fahren, und ’nen BigMac zu bestellen.

Noch ein Zug. Die Kippe ist abgebrannt.

Ich mache die Musik an, weil es so still ist. Ich will meine Gedanken nicht mehr hören. Gedanken sind Gefühle, und Gefühle will und kann ich grade nicht verkraften.

Ich mach die nächste Zigarette an. Ist ja jetzte auch scheißegal. Mein Kreislauf normalisiert sich. Ich bilde mir ein, dass das Nikotin meine Nerven beruhigt. Das ist alles Bullshit, aber er hilft mir. Mit Bullshit kann ich grad gut arbeiten.

Ich komme auf ein melodramatisches Lied. Ich finde im Netz nicht die richtige Version. Aber, hier auf CD, habe ich sie. Egal, der Text ist derselbe:

 

Zwischen Sonnen- und Weltuntergang
Der Standpunkt perfekt, Nike-Spuren im Sand
Die große Ebbe, Meere fließen ab
Das breite, schwarze Loch, anstelle jeder Stadt
Der Letzte seiner Art, das Ende der Geschichte
Für diesen Selbstmord war ich viel zu egoistisch
Alle mussten gehen damit ich bleiben kann
Damit ich diesen einen Text noch schreiben kann
Rauch die beste Kippe meines Lebens
Und schnipps sie in die zauberhafte Leere
Die Gräben wachsen, eine Stunde bleibt
Nur die eine Richtung, doch ich fühle mich frei

Der erste Tag, wo ich mich nicht beschwer
Der letzte Pfad, zum Fuße dieses Bergs
Der große Berg, die einsame Insel
Begrüßt mich mit ihrem breitesten Grinsen

Da liegt ein dicker, blauer Wal vor mir
Da liegt ein dicker, blauer Wal vor mir
Und wir warten darauf, dass die Zeiger still stehen
Dass die Tore sich öffnen um endlich zu gehen

Ein stiller Gruß, ein ehrliches Lächeln
Ein bisschen Freundschaft von ehemals Fremden
Kleiner Spaziergang, er treibt, ich lauf‘
Leise Gespräche die Sandbank hinauf
Der Blick spricht Bände, Fragen, sie stapeln sich
Wie es hier oben war? Du verpasstest nichts
Der Himmel hat uns täglich einmal ausgelacht
Mit seiner Freiheit, denn wir haben nichts drauß gemacht
Stehen auf Oberflächen, machte uns oberflächlich
Im Kopf zu abgehoben, der Rest zu bodenständig
Hände sind gut, greifst du nach deinem Traum
Doch verfehlen ihren Sinn, wenn du die Zukunft verbaust
Der Wal nickt ab und wirkt zufrieden
Die Taschenuhr steht still, wir sind endlich am Ziel

[Outro]
Mein großer blauer Freund, schön, dass wir uns getroffen haben
Leider viel zu spät, ich klatsch auf seiner Flosse ab
Steig auf seinen Rücken, schwimm‘ zur Kante des Nichts
Les die Credits, zwischen Sternen, in einem Tunnel voll Licht

Sechs Zigaretten später – es ist jetzt gegen 21 Uhr, es dämmert schon leicht –, fahre ich wieder Heim. Der Trip hat mir nichts gebracht. Ich komme zu keiner Entscheidung. Ich bin aus der Bahn geworfen. Wieder mal die Pizza im Weltall die unkoordiniert mit Overdrive durch Zeit und Raum fliegt.

Zwischendurch bin ich auch ein Zug. Nicht »Like a bus«, nope, »Like a train«!, wenn schon, denn schon. Ich bin voll beladen mit Wut. Radioaktiv und gefährlich wie ein Castor Transport. Und ich rase mit Maximalgeschwindigkeit auf meinen unsicheren Schienen an Polaroid-Momenten und -Situationen vorbei. In der nächsten Kurve werde ich entgleisen, soviel steht fest.

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