Hypochonder

»Every generation got its own disease. And I’ve got mine.«

Ich dreh so laut auf, dass mir die Ohren schmerzen (Obacht! Irreparable Hörschäden!). »So help me, pleeeeeeeeease!«

Hypochonder. Ich bilde mir alles Mögliche ein. Denke, jetzt war’s das. Dieser Körper wird sterben. An der Stelle vergieße ich meine obligatorische Melo-Träne. Was bist du nur für ein armes Geschöpf! Also ich hätte Mitleid mit mir und würde den Bolzenschuss setzen. Lasst ihn nicht leiden. Gib ihn frei. Lasst ihn in Würde gehen. Führt ihn zur Schlachtbank.
Das letzte Wort ist längst geschrieben. Mir fehlt nur noch ein guter Vorleser – bitte ohne Stottern, also nicht Mirle. Ich wünsche mir einen guten Song, den perfekten Song, wobei alle Trauergäste ins Taschentuch schnäuzten. Das kleine Gedicht von W.H. Auden.

»Diseases come. Diseases go. Welcome to the final show.«

Und die muss gut werden!

Jetzt ist es mit mir vorbei. Ich spacke so richtig ab. Nein, nicht nur ein wenig Kopfgewippe (Obacht! Dein Aneurysma könnte platzen, schön langsam alter Knabe!), vielmehr das volle Programm. Ich werfe die Krücken weg und spacke durch den ganzen Raum. Der Hund bellt. Er kennt das nicht von mir. Ich singe mit. Nein, ich schreie. Ich schreie die ganze Wut, Frustration und Angst aus mir heraus (Obacht! Überreize deine Lunge nicht. COPD!).

Ich bin der Trottel des Jahrhunderts. Wie kann man nur vergessen, dass man auf Entzug ist?! Das muss man erst mal bringen. Okay, ich vergesse vieles was wichtig ist, aber so etwas?
Wie kann man das nur so ausblenden und sich stattdessen in Schlaganfall (Todesursache #1), Herzinfarkt, Thrombose (Todesursache #2), Tumore, Leberzirrhose (SHOT!), Aneurysma, AIDS (»Change the girls like underwear. Using bodies without care.«) Lungenembolie, Krebs (Wo? ÜBERALL!!), Magengeschwür (Todesursache #3), Kreislaufzusammenbruch und Unterzuckerung reinsteigern?

Stattdessen: Absetzungserscheinungen vom fucking Promethazin! Ich hasse das Dreckszeug. Ich habe nicht einen guten Effekt von dem Scheiß bekommen, immer nur Nebenwirkungen und Zuckungen. Warum schluckte ich das überhaupt?
T.R.O.T.T.E.L. des J.A.H.R.H.U.N.D.E.R.T.S!
Und als ich versuche auszubrechen aus diesem Wahnsinn, gibt’s mir noch mal den Fickfinger zum Abschied. Ich hätte im Leben nicht gedacht, dass ich von einem Mittel, welches mir nie eine Hilfe war, noch so gefickt werde. Ich spiele mit dem Gedanken, einen bösen Kommentar im Internet zu verfassen. Pah! Die werden mich kennenlernen!

Wo waren wir? Ach ja: Dieser Körper stirbt. #Melo-Träne. #Theatralisches Seufzen.  

Blutzucker messen.
ASS, damit mein Blut leichter fließen kann.
Blutdruck messen.
IBUs gegen alles.
Imodium akut, um dicht zu werden.
Iberogast gegen die Übelkeit.
Diazepam gegen die Panik.
Psychopharmaka gegen Borderline.
Magnesium gegen die Stromschläge.
Körnerkissen gegen die Verkrampfung.
Creme an die Füße wegen – fick dich.
Ein Pflaster fürs Herz.

»I think that I’m too young to die. Love that girl and say goodbye.«

Goodbye, girl.
Goodbye, Welt.
Goodbye, Körper.
Goodbye, Angst.
Ich lasse los. Ich falle.
Goodbye, Realität.
Hallo, Paranoia.
Hallo, Psychose.
Hallo, Hypochondrie.

»Every generation got its own disease.«
Und ich habe sie alle.
»So help me, please.«

 

Kommentar verfassen

%d Bloggern gefällt das: