Gastrolle

»Wo ist es?«

Ich rutsche langsam aus dem Traum heraus.

»WO IST ES, VERDAMMT NOCH MAL?«

Ich werde angeschrien. Ich werde geschüttelt. Wachgerüttelt. Ich soll Antwort geben. Ich weiß gleichzeitig, um was es geht, und gleichzeitig will ich ganz weit weg. Das Schütteln wird drängender. Mein Kopf knallt an die Wand.
Jetzt bin ich wach.

»Weg«, bring ich mühsam hervor. »Es ist weg.«

»Wo?!«, schreit er. »Hol es zurück!« In seinen Augen blitzt der blanke Wahn. Ich habe noch nie in meinem Leben so einen Gesichtsausdruck gesehen. Junkie.

»Kann ich nicht.«

»Steh auf!«
Grob werde ich aus dem Bett gezerrt. Wieder schüttelt er an mir rum. Er reißt mir fast den Arm ab. Ich bin +/- 10 Jahre alt.

Da stehe ich nun.

Was soll ich tun? Ich kann nicht helfen. Kann nichts geben. Ich habe das Zeug, von dem ich nicht einmal weiß, was es ist, den Abfluss runtergespült. Das tue ich schon seit Monaten. Ich merke an seinem Verhalten, das es nichts Gutes ist, was er da tut. Es liegt nun an mir, diese Familie zu beschützen. Ich muss handeln. Ich musste doch etwas tun! Ich kann nicht tatenlos herumsitzen und zusehen, wie so etwas passiert.

Diese Heimlichkeiten. Ich ertrage diese Geheimnistuerei nicht mehr. Immer wenn ich in den verbotenen Raum komme, werde ich angekackt, was ich hier zu suchen hätte. Mir wird hinterher gegangen; es wird kontrolliert, was ich tue. Nicht ich bin es, der etwas verbotenes macht. Meine Fresse! Ich will ein Glas Milch, Saft oder irgendwas aus dem Kühlschrank! Was soll ich schon wollen?! Ich bin +/- 10 Jahre alt! Warum muss man sich ausgerechnet die verdammte Küche als Drogenlager aussuchen? Ich verstehe das nicht.

Am Anfang hab ich nur kleine Teile entsorgt. Dann immer größere Mengen. Jetzt scheint es aufgefallen zu sein.

Er ist stinksauer. »Hol es zurück! Du hast es hier irgendwo versteckt! Wo ist es?!«

Ich will meinen Körper verlassen. Ich will hier nur noch weg.

»Ich habe es nicht«, sage ich immer wieder.

Mehr weiß ich nicht.
Ich bin raus aus der Situation.
Raus aus meinem Körper.
Keine Ahnung, was dann noch alles passierte.

 

Am nächsten Tag sitzen wir wieder ganz normal am Tisch. Als wäre es nie passiert. Ich beginne damit, alles in Frage zu stellen: mich, sie, das Universum. Wir sitzen hier hollywoodreif am Frühstückstisch. Nichts deutet darauf hin, dass er die Nacht bei mir war. Alle tun so normal. Nur ich bin komisch.

Ich weiß, dass es passiert ist. Ich habe eine Beule – wie zum Beweis, greife ich daran – am Kopf. Aber das Situationsbild spricht eine vollkommene andere Sprache. Die sind doch alle nicht echt! Ich glaube, das sind Puppen. Das müssen Roboter sein.

Bin ich noch ich?

Bin ich noch woanders?
Bin ich zu weit gegangen, als ich mir mit aller Kraft gewünscht hatte, aus diesem Körper, dieser Situation, dieser Dimension zu flüchten?
Bin ich woanders gelandet?

Man redet mit mir.

Mach‘ jetzt bloß einen auf normal! Lass dir nicht anmerken, dass du weißt, dass hier etwas nicht stimmt. Spiel einfach mit. Irgendwann wird sich das Universum wieder zusammensetzen und du bist am richtigen Platz. Auf deiner Zeitachse. In deiner Dimension.

 

Ich kam nie wieder zurück. Ich bin Gast in dieser Realität, in die ich nicht hin gehöre. Ich bin so falsch. Ich spiele immer noch meine mir zugewiesene Rolle und hoffe, dass ich irgendwann zurückgehen kann an den Ort, wo alles einen Sinn ergab. 12932902_1422359327789606_1409648550039097933_n

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