Gameover

Wieder hier. Wieder mal dieses Gefühl. Nix fickt mehr.

Am liebsten würde ich mein Leben verschlafen. Ich brauche diesen Schlaf so dringend. Er resettet mein Gehirn, welches vor Überlastung rattert. Wir hätten da Depression, Psychose, Neurose und Zwangsgedanken im Angebot.

Das ist alles nur in meinem Kopf. Ich rede mir ein, mit entgegengewirkten Gedanken, wird das schon wieder, aber ich bin es so leid. Ich fühle mich, als säße ich in einem Wagen, der in eine bestimmte Richtung fährt, und ich muss die ganze Zeit gegenlenken, um auf der richtigen Spur zu bleiben.

Wenn ich meine Augen schließe, ist alles schwarz. Hinter den Augen tanzen helle Punkte. Ich konzentriere mich auf diese. Ich gestalte sie zu einem weißen Hasen. Diesen versuche ich zu folgen. Und dann schlaf ich endlich ein. – Das, und Betäubungsmittel.

Alles andere hört auf zu existieren.

Ich bin jedes Mal überrascht, über die Macht der Gedanken. Denkst du dich klein, bist du klein. Denkst du dich groß und stark, bist du dies.

Was bin ich in Moment?
Was ist die Realität?

Ich habe so mit den Tagen zu kämpfen. Der Mensch braucht eine Aufgabe. Ich habe keine. Die, die ich hatte, von denen habe ich mich losgesagt. Ich wollte allein sein. Ich habe verschwendet und vernachlässigt. Kam das von mir, oder ist das der soziale Rückzug? Kann man der Depression dafür die Schuld in die Schuhe schieben? Es wäre so schön einfach und logisch.

Ich fühle mich so krank.

Ich weiß nicht, wie ich mir helfen soll. Vieles kommt nicht in Frage. Ich glaube an mich, an meine Selbstheilungskräfte. Aber ich kriege nichts realisiert. Ich schaffe es nicht aus dieser Abwärtsspirale raus.
Manchmal starre ich stundenlang vor mich hin. Realitätsflucht ist nicht mehr möglich. Ich hatte mir diesen Ausweg geschaffen, für Situationen, wie diese, aber jetzt ist dieser Fluchtweg abgetreten. Ich komme nicht mehr rein. Er ist nicht mehr das gelobte Land. Es ist die Hölle.

Das Game fickt nicht mehr.

Ich weiß gar nicht, was ich da eigentlich soll. Ich glaube, ich habe mich übernommen. Mittwochs und sonntags: Progress. Fürs Ego. Als Trotz. Als Beweis.
Montags und donnerstags dann mit Freunden. Aus Verantwortung und Pflichtbewusstsein.
Ich hätte mich gern einfach hingesetzt, ein gutes Spiel gemacht. Fachkenntnisse, keine Fehler, DmgMeter #1-3, durch Support den Raid voran gebracht.

Stattdessen hat sich alles geändert. Ich soll jetzt leaden. Ich will das nicht. Ich kann das nicht. Ich finde, ich mache das nicht gut. Diese Verantwortung für +/- 15 Leute lastet so schwer auf mir. Sie erdrückt mich. Ich denke wieder zwanghaft nach. Alles dreht sich im Kreis. Ich wiederhole und wiederhole. Es ist nicht so, als ob ich das nicht könnte, aber in mir ist etwas blockiert. Ich will das einfach nicht. Das Spotlight, in dessen Fokus ich stehe. Alles hört auf mich. Alles steht und fällt mit mir. Wenn Fragen sind: Ich. Wenn Probleme aufkommen: Ich. Einteilung: Ich. Bossmechanik spielen: Ich. Selber noch ein gutes Spiel machen: Ich.

Ich bin schlicht und ergreifend überfordert damit.
Ich mag mich schon gar nicht mehr einloggen.

Eine Alternative müsste her. Geh doch einfach da weg! Ich muss etwas anderes finden. Doch was? Ich kann weder in die eine Richtung, noch in die andere. Ich komme immer wieder auf denselben Nenner. Ich komme immer wieder beim Suizid an. Ich denke so viel. So komplex, und von allen Seiten beleuchtet. Ich nehme jedes Argument wahr und spiele Szenarien durch. Fakt ist, ich bin am Ende angelangt.

Es geht weder vor noch zurück. Ich fühle mich isoliert.

Ist das jetzt die Realität? Ist das die Psychose? Sind das nur Gedanken? Ist das eine Ereigniskette?

Ich muss etwas ändern. Ich rechne immer wieder mit denselben Zahlen. Vielleicht brauche ich andere Zahlen? Denn dann würde sich auch das Ergebnis verändern.

Was soll ich also tun?

Ich muss hier raus. Weg von allem.

Denke ich mir.

Vielleicht denke ich falsch.

Vielleicht – so die Hoffnung – kriegt sich alles wieder ein. Die Droge fickt wieder. Ich höre auf zu denken und alles wird wieder gut. Der Wagen würde sich wieder von alleine lenken. Er wäre in seiner Spur. Ohne mein ständiges mühsames Zerren.

Ist das die knallharte Realität, oder spricht eine Depression aus mir? Was ist real? Was kann ich schaffen? Wo ist mein Kampfrausch?
– Vermutlich auf cooldown.

Ich will eigentlich nur die Augen schließen, und dem weißen Hasen folgen.

 

Ich brauche einen Entzug.
Aber was dann?
Was bleibt dann noch?
Die Drogen waren das einzige, was meinem Leben Sinn und Zweck gegeben haben. Ich weiß einfach nicht, wie ein Leben ohne sie aussehen könnte. Falle ich dann noch weiter in die Depression oder wäre es ein Befreiungsschlag, weil sie der eigentliche Grund für die Depression sind?

Ich war immer Gamer. Mit Stolz und Begeisterung. Aber wie jede Droge wendet sie sich irgendwann gegen den Konsumenten. Der einstige Freund wird zum größten Feind – wie immer. Alles, was du liebst, wendet sich früher oder später gegen dich. Mimimimi.

Andere loggen sich einfach aus. Aber nein, ich doch nicht. Ich mache ein Drama draus. Ein riesiges beschissenes Drama.

Ich hab aufs Spiel gesetzt.

Und nun hast du den Kollaps. Den Super Gau.

  4 comments for “Gameover

  1. Hey!
    4. November 2017 at 12:56

    Ich bin stolz auf dich.

  2. royaltrs
    5. November 2017 at 2:33

    „Wenn du durch eine harte Zeit gehst und alles gegen dich zu sein scheint, wenn du das Gefühl hast, es nicht mehr eine Minute länger zu ertragen, GIB NICHT AUF, weil dies die Zeit und der Ort ist, wo sich die Richtung ändert.“
    Rumi, pers. Dichter, 1207–1273

    Ansonsten bleibt nur festhalten, dass es wie immer gut geschrieben ist und viel Wahrheit in sich trägt.

  3. Eine Bekannte
    6. November 2017 at 13:56

    Ein besorgter Blick,
    eine Minute am Tag,
    denke ich an dich
    und frage mich,
    wie es dir geht.
    Tu es nicht.
    Wir kennen uns kaum
    und doch: Tu es nicht.
    (Eine Bekannte)

  4. royaltrs
    13. November 2017 at 17:14

    Liebe Bekannte,

    „Es gibt keine Grenzen. Weder für Gedanken, noch für Gefühle. Es ist die Angst, die immer Grenzen setzt.“
    Ingmar Bergman

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