Gänseblümchenmassaker 2017

Eine Wiese voller Gänseblümchen. Ich springe über sie hinweg. Meine blonden Locken wehen im Wind. Ich bin verzückt!

Und dann nehme ich Anlauf.

Ich darf’s nicht ficken. Ich darf’s nicht ficken!

Scheiße, ich will es ficken!

Ich will ein Skalpell aus meinem Sommerkleid ziehen und jedes davon mit chirurgischer Präzision in seine einzelne Bestandteile zerlegen. Ich will jedes Blatt einzeln herausziehen. Ich will das Gänseblümchen vor Schmerz laut aufschreien hören. Ich will sein Blut. Ich will seine Qual. Ich will seine Aufmerksamkeit.

Ich bilde mir ein, dass ich sie nicht habe. Also hole ich sie mir auf destruktive Weise. Irgendwie habe ich das Gefühl, dadurch meinen Wert zu festigen. Ich denke ständig, ich hätte kein Wert. Denke, ich muss etwas Dramatisches tun, damit ich nicht als selbstverständlich erachtet werde.

Aber was will ich eigentlich?

Das Problem ist bis heute nicht ausdiskutiert. Und ich will es auch gar nicht. Ich will dieses Gespräch nicht führen. Ich kann mich nicht erklären – und für eine Laberbacke wie mich, ist das schon ein hartes Brot, wenn ich es nicht kann. Man sollte doch in der Lage sein, seine Gefühle und Wünsche in Worte zu fassten. Worte und Gedankenketten sind mein Business.

Stattdessen ist da dieses Loch. Immer wenn ich mich diesem Loch nähere, wird es größer. Gedanken und Gefühle verschwinden in ihm. Ich weiß, dass da einzelne Probleme sind, aber ich kann sie nicht greifen. Ich habe nur dieses schwarze Loch, das mich daran erinnert, dass da eine Aufgabe noch auf mich wartet.

Ich will so vieles nicht mehr.

Und dann will ich genau das.

Ambivalent.

Ich habe versprochen, es nicht zu ficken – und damit komme ich an meine Grenzen. Es ist so mühselig, dem Drang zu widerstehen. Was für ein Reiz! Ich will mich hineinfallen lassen, und meine eigens inszenierte Show genießen. Regisseur, Bühnenbildner, Hauptdarsteller, begeisterter Zuschauer – all das bin ich. Endlich diesen Eiertanz beenden. Endlich meine Rollen erfüllen – endlich wieder eine Rolle spielen. Alldem ein Ende setzen, mit Ausrufezeichen am Schluss!

Ich will es ficken.

Nein, ich werde es ficken.
Ich weiß es genau.

Und dann, wenn ich alles zerstört habe, kann ich damit beginnen, mich bei der Gärtnerin zu entschuldigen. Doch bis dahin sitze ich auf meiner Gänseblümchenwiese, und ziehe in sadistischer selbstzerstörerischer Verzückung ein Blatt nach dem anderen heraus: Sie liebt mich, sie liebt mich nicht, sie liebt mich, sie … nicht.

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  1 comment for “Gänseblümchenmassaker 2017

  1. 3. Mai 2017 at 9:36

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