F43.8

Da will man sich metaphorisch Ausdruck verleihen, was diese Situation mit einem gemacht hat und am Ende kommt doch tatsächlich eine Diagnose dabei raus.

»Akute und schwere Belastungs- und Krisenreaktion.«
F43.8

Hahahaha.
Ich dachte, das wäre ein Scherz. Ein Stilmittel. Ein Ausdruck.
Hat sich ausgelacht. Hat sich ausge’lyrict.

Ich komme mir, vor als käme ich aus dem Krieg.
Mein ganzer Körper tut weh. Wirklich-wirklich weh. Hab ne Ibu genommen. 800er!
Auf Alk zu Ritzen ist ne komplett beschissene Idee. Ich hab das schon öfter gemacht, vor Jahren, aber das hier übersteigt jegliches Ausmaß. Ich habe einen Dönerarm.
What the fick!?
Ich.
ICH!
I.C.H.!
Ich würde ja ein Ritzbild hochladen und über mich richten lassen, aber meh. Die Pros kennen das: »Versorg deine Wunden gut«, »Das muss genäht werden!«, »Ruf einen RTW«, »Tu dir was Gutes«, »Belohn dich!« – Ja klar, wie wäre es mit einem verfickten TicTac?!

Hab mich belohnt. Hab mir meinen Nasenring wieder durchgestochen. Mit einer Braunüle. Das Wort gibt’s überhaupt gar nicht! Die Olle in der Apotheke guckte mich an, wie ein Auto. Habs dann aber erklären können und wir kamen auf das, was ich brauchte. 36 Cent. Ich dachte, die will mich verarschen. Aber ey, das war total fürsorglich! Die ist sogar steril. Ich tue mir was Gutes. Ich belohne mich.
Ich pieks mich, und habe Schmerzen des Todes.
Tränen und Blut quellen in Bahnen über mein Gesicht. Sie stehen sinnbildlich für meine Situation, und ich finde das eigentlich ein hübsches Bild – wenns nicht so scheißen wehtun würde, würde ich ein verkacktes Selfie machen für mein Borderline-Poesiealbum.

Da sitze ich nun mit geschwollener Nase und zerfickten Arm.
Tüddel.

 

Hab ich schon erzählt, wie ich am Montag besoffen und druff zur Therapie gegangen bin?^^
Keine Sorge, hatte einen Fahrer.
Anständig, wie ich bin, habe ich das im Vorfeld organisiert – Schulterklopf.

Ich frag mich die ganze Zeit, ob Madame etwas bemerkt hat …
Ich bin funktionierender Alkoholiker, ich bin gut im Verschleiern und lache charmant alles weg. Aber aus dem Lachen wird ganz schnell ein Heulanfall. Ich plärre schon wieder. Ich bin von mir selbst angekotzt, aber ich bin ja noch drauf, also isses mir egal.

Mittlerweile habe ich sie von Zwangseinweisung auf Suchtklinik runtergelevelt.
(Ey, die hat doch was gemerkt, oder?!)
Wir sprechen noch mal über den Raid. Nein, wir sprechen nicht, wir debattieren. Ich weiß nicht –  ich bin pro (ghihhihihihihihihihi!) und contra. Der Frau erst mal klar zu machen, was ein Raid ist. Um was es da geht und so weiter … Hach, alles kostbare Therapiezeit. Sie fängt von ihren Söhnen an, die mal »dieses World of Warcraft« gespielt haben. Ich sage: »Bingo!« Meine Argumentationskette bezieht sich nun auf ihre Söhne, und ob die sich dort als anderen Menschen ausgeben und blah blah blah. Ob die dort anders sind. Ob sie weniger wert sind, nur weil ich sie durch ein Interface wahr- Boar, ich bin grad von mir selbst angekotzt. Ich kann mich selbst nicht mehr reden hören. Ich breche das ab. Gebe auf.

Sie ist für Raidverbot. Ich bin nicht sicher. Ich werde das in ein paar Wochen bereuen. Ich kenne mich. Ich brauch das.
Sie droht mit Suchtklinik.
Ich komme mit: »Pferdetherapie oder WATT?!?!« [Anmerkung des Autors: Sich um Pferde zu kümmern ist eine gängige Therapieform bei Spielsucht.]
Sie wird sachlich.
Ich schmolle.

Mittlerweile macht sich ein Kater bemerkbar. Ich bin reizbar und uneinsichtig.

Erziehungsberechtigte tauschen sich über mich aus.

Ich verlasse meinen Körper.

 

Am nächsten Tag habe ich den Progress an den Nagel gehangen.
Ist vermutlich besser so.
Ich muss mir die Scheiße schön reden – einerseits. Andererseits bin ich befreit und erleichtert. Wenn ich mal ganz reflektiert nachdenke, habe ich keine gute spielerische Leistung mehr gebracht. Ich habe … Nein. Bullshit. Ich war gut. Ich bin selbst gut, wenn ich schlecht bin.
Aber ich hatte keine Freude mehr. Da kommt wohl die semi-PTBS zum Vorschein. Ich habe auf Trigger und Flashbacks geraidet und Rota gedrückt. Macht mir das erst mal nach, Motherfuckers.

Oh, du kommst grad on.
Ernsthaft, Echtzeit! Zeitstempel [10:58:42]
hi *dahinschmelz*
Flashback.
Rauchen.
Bist wieder off. Na, ein Glück. Zeitstempel [11:02:21]
Fällt das jetzt unter Stalking, lol?
Ich darf das nicht, ich darf das nicht – lalalalaalala.

Toll, habe Suchtdruck. Toll, will ne Benzo kauen. Toll, will lachend in die Kreissäge rennen.

Du erzählst mir was von Lovetown. Pffft. Ich könnte dich töten. Pass bloß auf, ich bin gut bewaffnet. Schließlich befinde ich mich gerade im Kriegsgebiet.

 

Ich geh kotzen.
Nein, ernsthaft, ich bin kotzen gegangen.
Sollte nicht stalken. Sollte nicht denken. Sollte nicht fühlen.
Aber eins nach dem anderen. Irgendwann werde ich dich löschen. Irgendwann tangiert mich das nicht mehr. Irgendwann hört es auf. Muss es.
Ich frage mich die ganze Zeit, ob das wirklich *zensiert* ist oder ob ich einfach nur ne riesen Dramaqueen bin. Ich mein, wie gehen andere Menschen mit so etwas um? Kriegt doch nicht gleich jeder ne Diagnose, oder? Bin ich so labil? Bin ich so schwach? Bin ich so krank? Oder bin ich einfach nur *zensiert*? So richtig-richtig *zensiert*?
Ich, ausgelutschtes oranges TicTac.
Werde ich mich in ein paar Wochen darüber totlachen?
Bin ich dann tot?
Ich muss echt aufpassen, mit dem, was ich sage. Immer wenn ich ehrlich bin, gucken die Menschen mich so komisch an. Frau Christoffer (ghihhihihihi) meint, dass sie nicht mehr ruhig schlafen kann. Dass SIE die Situation belastet. Dass SIE sich so sehr sorgt. Was zur Hölle?!, denke ich mir. Hab ich jetzt echt eine der Unbelastbaren erwischt, wo ich am Ende noch therapeutisch einwirken muss?! Ist die zu weich oder bin ich zu drüber? Ich weiß es nicht.
Aber das passiert mir überall.
Da mach ich gestern vorbildlich einen Termin beim Hausarzt und umschreibe kurz die Situation, da fällt meiner Lieblingsarzthelferin fast das Lachen aus dem Gesicht, als ich deutlich machen will, dass es mir den Umständen entsprechend gut geht. Ich sage Dinge wie: »Och, ich stand schon vor der  Zwangseinweisung, aber jetzt isses besser.« Ich wollte nur klarmachen, dass ein Termin jetzt nicht so dringend ist und ich noch ein paar Tage warten kann. Warum sage ich sowas? Erst denken – dann reden. Sie hingegen schiebt Panik und versichert mir, dass ich jederzeit reinkommen könnte und und und. Ich denk die ganze Zeit nur: Weib, sprich leise, meine Mom sitzt nebenan. Wenn die das mitkriegt, werde ich mein Lebtag nicht wieder froh. Die ist nämlich im Wartezimmer und wartet drauf, ihr Blut abzugeben. Irgendwas wegen MRT. Irgendwas wegen Krebs. Ist mir so Rille. Ich fahr sie zum Arzt und danach zur Arbeit und hoffe, sie sieht den Verband nicht oder hört das Gespräch. Ich gebe mir große Mühe einen auf Normal zu machen. Wenn die jetzt auch noch panisch wird, dreh ich durch! Dann muss ich mich wieder um sie kümmern. Versichern, runterspielen, lachen, verharmlosen, mich rechtfertigen, beruhigen, entschuldigen, mir Vorwürfe geben, mich ankacken lassen – meh.

  2 comments for “F43.8

  1. Klangschale
    28. März 2018 at 13:07

    ‚Der periphere Venenkatheter, der periphervenöse Katheter, der peripher-venöse Zugang, der PVK, der PVVK, die periphere Venenverweilkanüle, der periphere Venenverweilkatheter (je nach Hersteller auch Abbokath, Braunüle, Flexüle, Venflon, Vygonüle; umgangssprachlich auch Viggo, Venüle, Nadel oder (venöser) Zugang, in …‘

    Google ist dein Freund.

  2. Das Tom
    28. März 2018 at 17:21

    Es ist erstaunlich (und irgendwie fühlt man sich fast schon schlecht dabei), wie du einen trotz der Sorgen die man um dich hat beim lesen, immer wieder zum Schmunzeln bringst.

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