Es muss weg – oder die Geschichte, wie ich meine Diagnose bekam.

Schneid‘!

Nix.

Schneid‘ schon!

Verdammt.

Wirst du wohl endlich diesen verfluchten Schnitt machen?

Ich drücke. Die Haut gibt ein wenig nach. Einreißen tut sie nicht.

Die Spitze liegt auf der dünnen Hautschicht über der Pulsader und wartet auf meine Entscheidung. Ich kenne mich mit Schmerzen aus. An dieser Stelle ist es besonders schlimm.

Keine Fettschicht, kein Versuch, keine Kompromisse.

Ich nehme die Klinge weg. Atme aus. Hohle Luft. Setze wieder an.

Jetzt mach schon!

Probehalber führe ich sie bis zur Ellenbeuge.

Down the road – not across the street.

Nur Anfänger und nach-Hilfe-Schreier machen den falschen Schnitt.

Ich bin kein Anfänger. Ich schreie auch nicht nach Hilfe.

 

*

 

Vor vier Stunden hatte ich meine Diagnose erhalten. Emotional instabile Persönlichkeitsstörung. Borderline-Syndrom. F 60.31.

»Was kann man dagegen tun?«, hatte ich gefragt.

Meine Bezugstherapeutin kam ins Schlittern. Jemand anderem wäre es nicht aufgefallen, mir allerdings schon. Ich kann Gedankenlesen – ich analysiere und interpretiere Körpersprache und Mikroausdrücke. Wenn der BND davon wüsste, wäre ich längst unter Vertrag – nur rekrutieren die nicht in Klapsen. Nicht mein Problem.

Sie versuchte es hinter einer souveränen Maske zu verstecken, aber ihr Mundwinkel zuckte. Bedauern.

Alles klar.

Sie konnte sagen, was sie wollte – beschönigen, Optimismus verbreiten – ich sah die Wahrheit. Sie sprang mir förmlich ins Gesicht.

Sie erzählte mir etwas von Symptomen bekämpfen:

Pillen gegen Depressionen, Angstzustände und Schlaflosigkeit; Skills gegen Schneidezwang; soziales Fertigungstraining, um mit den Anderen besser klarzukommen und guter Aussicht auf soziale Heilung; Ergotherapie und Bewegung für mehr Belastbarkeit und Spannungsabbau; autogenes Training und Jacobson zur Entspannung; Kunst und Musik als alternative Ausdrucksmöglichkeit.

Apropos Ausdruck.

Wir gaben ein harmonisches Bild ab: Auf der einen Seite Therapeutin, die hinter professioneller Miene ihre Liste runter betete, und auf der anderen ich, wie ich einen auf Patient des Monats machte und so tat, als würde ich zuhören und verstehen.

In Wirklichkeit ging ich die Möglichkeiten durch.

 

Plan A:

In ihrer Schreibtischschublade liegt bestimmt ein Brieföffner oder eine Schere. Mitten ins Herz. Dramaqueen.

Ich könnte sie unter einem Vorwand bitten, den Raum zu verlassen und … andererseits waren wir hier in der Klapse. Ich war mit Sicherheit nicht der Erste, die auf die Idee gekommen war.

 

Plan B:

Speisesaal.

Haha. Schon mal die Messer hier gesehen? Ein Teelöffel ist schärfer. Außerdem ist das Besteck abgezählt. Bevor wir wieder rausgelassen werden, wird es von jedem Patienten wieder einkassiert.

Die Idee, einen Löffel am Bordstein zu schärfen, konnte ich knicken.

 

Plan C:

Glasscherben.

Negativ. Kein Glas, kein Spiegel. Nur Plastik und spiegelnde Folie über’m Waschbecken.

 

Plastik …

Plastik!

Meine Zahnbürste. Ein Feuerzeug. Genial.

 

Ich sah mich bereits auf der Toilette sitzen – der einzige Ort, wo sie dich in Ruhe ließen – und das Zahnbürstenende mit dem Feuerzeug bearbeiten. Ich würde das Plastik wie Wachs anwärmen, es auf die geflieste Fensterbank legen und dann mit der Shampooflasche platt drücken. Wie ein Schwertschmied aus dem Mittelalter.

»Sie sehen also, nur weil Borderline nicht heilbar ist, können wir trotzdem etwas tun, um Linderung zu schaffen.«

Ich dachte an Aids. Ich dachte an Krebs. Ich dachte an jede verfluchte Krankheit, die als unheilbar galt.

Nein, auf Slowmotion hatte ich keinen Bock.

Seit einundzwanzig Jahren machte ich diese Scheiße jetzt schon mit – hangelte mich von Geburtstag zu Geburtstag, von Tag zu Tag, von Stunde zu Stunde.

Meine Zeit war abgelaufen. Jetzt hatte ich es sogar schriftlich. Ich wollte nicht mehr.

Froh darüber, endlich einen triftigen Grund gefunden zu haben, stand ich auf.

»Ich muss für mich allein sein. Nachdenken und so.«

Therapeutin verstand, nickte verständnisvoll.

»Denken Sie in Ruhe über alles nach. Ich weiß, dass so eine Diagnose nicht leicht ist. Aber …«

Ich war schon weg; dachte an nichts anderes, als an meine Zahnbürste.

 

Draußen angekommen griff ich in die Hosentasche und zog die verbeulte Schachtel hervor. Lucky Strike. Eine letzte Zigarette.

Dead man walking. Das Feuerzeug klickte. Genüsslich inhalierte ich das Nikotin.

F 17.1 – Schädlicher Gebrauch von Tabak.

Lungenkrebs. Davon wirst du irgendwann sterben.

Nein, dachte ich, nicht davon. Noch einmal Glück gehabt. Strike!

 

»-BI!«, rief jemand.

Ich drehte mich um. Mein Zimmergenosse saß auf der Steinbank in der Raucherecke. Pantomimisch sagte er: Komm her und setzt dich zu uns! Ich schüttelte den Kopf und zeigte auf meine nicht vorhandene Armbanduhr.

»Ax-O«, rief er, »bi-päter.« Den Rest verschluckte der Wind.

Ich winkte und steckte mir die Stöpsel meines MP3-Players in die Ohren. Tiefer Bass ertönte. »Whooaaau!« Nonpoint.

»My disposition is in a position for all to see.

Regretless for how it feels.

I got a bullet with a name on it.

Bullet with a name.«

Der Soundtrack trug mich über das Gelände.

Das letzte Mal unter freiem Himmel. Das letzte Mal die Herbstsonne spüren. Das letzte Mal denken, fühlen – daran verzweifeln.

Nicht mehr lange. Wir näherten uns dem letzten Akt.

Ruhe umgab mich. Wie eine wärmende Decke legte sie sich um mich. Ich fühlte mich geborgen – zum ersten Mal in meinem Leben.

Das letzte Mal Gras sehen. The Green Mile. Ich bückte mich und fuhr mit der Handinnenseite über die Schnittkanten. Aus Angst, jemand könnte mich dabei sehen und mich für verrückt halten, zog ich einen Halm heraus und ging schleunigst weiter. Unauffällig hielt ich mir den Grashalm an die Lippen.

Ich spürte etwas – noch. Er war kühl; kitzelte ein wenig.

Ich roch …

Wie riecht Gras?

Noch nie hatte ich mir Gedanken über Gras gemacht.

Es roch … grün.

Verwundert sah ich den Grashalm an.

Sollte ich nicht an etwas Wichtigeres denken? An etwas Elementares; eine Diashow des Lebens?

Geburt. Liebe. Tod. Hass. Fleisch. Blut. Blumen. Welke. Erde. Supernova. Apfelkerngehäuse. Weiße Laken wehen im Wind. Waschmittelwerbung. Saft. Speichel. Meep Meep Roadrunner. Ein Sarg. Lachende Kinder. Eine Injektion. Tapete. Bunte Lichter. Ein Löwe jagt hinter einer Gazelle her und reißt sie. Atompilz. Cheeseburger. Mann und Frau, in Liebe vereint. Schweiß. Seen und Flüsse. Ein altes Gesicht. Samen. Lachen. Weinen. Schmerz.

Nein, ich wollte das nicht.
Ich wollte Gras.

Meine Schritte wurden schneller. Tür. Ich schnippte die Kippe weg, traf die Mauer, die Glut flog in tausend Stücke – ein kleines Feuerwerk. Gleich war ich oben. Nur noch ein paar Stufen.

Ich schloss die Zimmertür auf.

Den Blick zum Bett vermied ich. Ich wollte nichts, dass mich umstimmte oder ablenkte. Ich war fest entschlossen. Denn was wäre die Alternative?

Kampf. Leid. Schmerz.

Für was?

Symptome – nicht Ursachen.

Ich würde für immer ich bleiben. Ich konnte nicht aus meiner Haut – und bei Gott – ich hatte es versucht.

Egal, was ich mache, ich kriege es nicht weg! Ich blieb für immer ich. Unheilbar.

Schnell schnappte ich mir meine Zahnbürste.

 

*

Schneid‘!

Fang endlich an!

 

Alles war nach Plan verlaufen. Dennoch saß ich mit der Klinge, die genaugenommen keine war, auf dem Toilettendeckel und machte mich lächerlich. Was werden die anderen, die im siebten Kreis der Hölle auf mich warteten, dazu sagen? Auslachen werden sie mich, weil ich so lange gebraucht hatte, die Sache durchzuziehen.

 

Schneid‘!

 

Es klopft an der Tür – schon wieder, mittlerweile zum dritten Mal. Verpiss‘ dich! Dies ist doch nicht die einzige Toilette.

 

Schneid‘ schon!

Beeil‘ dich.

 

Klopf-Klopf.
Ich schreie die Tür an: »Was ist?«
Keine Antwort.
Auch gut.

 

Schneid‘!

Ich hole tief Luft. Immer noch keine nostalgischen Flashbacks: Geburt, Liebe, Tod, Hass, Fleisch, Blut, Blumen, Welke, Erde, Supernova, Apfelkerngehäuse, weiße Laken wehen im Wind, Waschmittelwerbung, Saft, Speichel …

 

Klopf-Klopf.

 

Jetzt reicht’s! Ich reiße die Tür auf. »Verdammte sch-«

Doch da ist niemand.

Wollt ihr mich verarschen?

Ich trete auf den Flur.

 

Mein Arm juckt. Ich reibe ihn an der Jeansnaht, während ich mit großen Schritten den Gang bis zur Glastür, die zum Treppenhaus führt, abgehe.

Ich lausche.

Niemand zu hören. Niemand zu sehen.

Ich gehe zurück, an den Toilettenräumen vorbei, in die andere Richtung. Quietschend öffne ich die schwere Tür zum Aufenthaltsraum. Jemand sitzt am großen Tisch in der Mitte und schreibt. Zwei andere spielen ein Brettspiel.

Der Fernseher läuft.

Chantal schreit ihren Freund an: »Justin ist dein Sohn!« Britt geht dazwischen und schlägt einen Vaterschaftstest vor. Chantal wird blass.

Es knistert. Im Sessel links von mir legt jemand die Zeitung weg.

»Ist hier wer lang gekommen?«, frage ich.

Kopfschütteln.

Ich schließe die Tür wieder. Mittlerweile ist meine Wut verraucht. Wer es auch war, ist nun weg.

Ich gehe zurück. Als ich die Toilettentür öffne und meinen Dialog mit der Zahnbürste weiterführen will, ist diese verschwunden. Das kann doch nicht wahr sein!

Schnell schaue ich mich um. Viel zu sehen gibt es nicht. Noch bevor ich unter der Toilette und dem Waschbecken suche, weiß ich, dass ich mein Messer nicht finden werde. Mein Arm juckt fürchterlich.

Wo ist diese scheiß Zahnbürste?! Vor Wut trete ich gegen die Tür.

»Ihr könnt mich mal!«, brülle ich wütend in den Gang und stürme zurück in mein Zimmer.

Ich schnappe mir meinen Rucksack und die Jacke und laufe wieder den Flur entlang Richtung Treppenhaus. Ich überspringe die letzten drei Stufen und jogge über den Innenhof.

Unwirsch ziehe ich das Tor auf und trete hinaus auf die Straße. Ein Opel Corsa fährt an mir vorbei. Erschrocken schaut mich der Fahrer an. Ach ja, wir sind hier ja in der Ballerburg, eine Klapse, die am Rand der Altstadt liegt. Die Stadtbewohner haben Angst vor uns. In Kindergärten und Schulen kursieren allerhand Schauergeschichten über die Ballerburg und ihre bekloppten Insassen. Die hiesigen Gaststätten und Kneipen, die wie Inselgruppen um die Burg herumliegen, stört es – solange wir zahlen und niemanden töten – weniger.

Ich versuche nicht allzu irre auszusehen und mache mich auf den Weg. Gut, dass ich die Packung eben nicht weggeschmissen habe, denke ich, als ich versuche, mir eine Zigarette anzuzünden.

Gegenwind.

Ich drehe mich um und halte schützend eine Hand vor Flamme und Kippe.

Zügig gehe ich weiter Richtung Fußgängerzone. Noch immer bin ich stocksauer. Es hat lange gedauert, die Zahnbürste zu präparieren. So ein Scheißdreck!

 

Dann eben Plan E.

 

Noch ein paar Straßen, dann bin ich beim Haushaltswarenfachgeschäft angelangt. Ich komme an einer Reihe von Geschäften vorbei: Frisör, Bäckerei, Florist, Tattoo-Studio. Normalerweise würde ich stehen bleiben, um mir die Fotos der Motive anzuschauen, aber nicht heute. Ich habe eine Verabredung.

Abgesehen davon traue ich mich sowieso nicht, hineinzugehen.

Ich mag Menschen nicht. Ich mag keine Geschäfte. Ich mag nicht mit Menschen reden, agieren oder dieselbe Luft wie sie zu atmen. Diese Aktion mache ich auch nur deswegen, weil ich keine zweite Zahnbürste habe.

Warum überhaupt so umständlich? Gleich kaufe ich mir ein schönes scharfes Messer und konzentriere mich darauf, die Sache durchzuziehen.

 

Zielgerichtet schaue ich an der bunten Glasfront vorbei. Ich kenne die Bilder eh auswendig. Oft stand ich in der Dunkelheit davor und habe eine geraucht.

Tribals; Arschgeweihe; Banner; Blumenornamente, die den Bauchnabel, Hand- und Fußrücken verzieren; daneben eine Reihe chinesischer Schriftzeichen und deren Bedeutung; Ganzkörpertattoos, angefangen am Nacken bis hin zum Unterschenkel; indianische Motive, Totenköpfe, Kois, Drachen, Schmetterlinge, keltische Knoten und Ta Moko, die Symbole der Maori aus Neuseeland.

 

Auf einmal schwingt die Tür auf. Blätter wehen hinein.

Ich weiß nicht warum, aber ich bleibe stehen. Nicht mal eben so, nein, ich gehe voll in die Bremsen.

Ohne nachzudenken, trete ich ein.

 

Ein Eisbär von Mann steht hinterm Tresen, telefoniert und schaut auf mich herab. Sein kurz geschorener Kopf ist riesig. Er trägt ein kurzärmeliges weißes Hemd und um den Hals eine schwarze Krawatte. Seine Arme sind bunt.

Er hebt den Finger. Ich soll wohl warten.

Dann zeigt er auf eine durchgesessene Ledercouch, die in der Ecke steht – erinnert mich an sein Gesicht. Auf dem Glastisch davor liegen Tattoo Magazine. An der Wand daneben ist ein Regal mit Ordnern. Ehemalige Projekte, Motive und Vorlagen nehme ich an.

 

Ich bleibe stehen. Mitten im Raum.

 

Ich interagiere nicht gern mit Menschen, was aber nicht heißt, dass ich es nicht kann. Ich lasse mir meine Angst nicht anmerken – nie. Ich strotze nur so vor Selbstbewusstsein.

Ed Hardy – sein richtiger Name interessiert mich einen Dreck – schaut mich mit hochgezogener Augenbraue an.

Er verlässt den Raum durch eine klappernde Saloontür nach hinten. Ich sehe ihm nach.

Da ist ein Tätowierstuhl. Erinnert mich an Zahnarzt. Es riecht nach Desinfektionsmittel, Zigarettenrauch und etwas, dass ich nicht benennen kann.

 

Ich stehe dumm rum. Das Denken habe ich mir verboten. Wenn ich jetzt damit anfange, bin ich schneller raus, als ich Arschgeweih buchstabieren kann. Unbeweglich in Haltung und Gedanken warte ich.

 

Eddy kommt zurück. Er legt das Telefon beiseite und stützt sich auf die Theke. »Was kann ich für dich tun?«

»Ich will ein Tattoo.«

»Hast du einen Termin?« Er ist schon auf dem halben Weg zum Terminkalender.

»Nein. Ist ’ne spontane Idee.«

Skeptisch schaut er mich an. »Ballerburg?«, fragt er auf einmal. Meine Fresse!

Ich gucke doof aus der Wäsche. Steht’s mir auf der Stirn oder was?

»Ähm. Ja.«

»Mach ich nicht.«

»Wie? Mach ich nicht?«

»Ich steche keinen von euch Bekloppten. Bringt nur Ärger. Weißt du, wie viele Anrufe und Beschwerden ich hier schon hatte?«

Ich verstehe nicht.

»Ich mache bei eurem Selbstzerstörungstrip nicht mit.«

Selbstzerstörung?

»Du bist doch einer von denen, die sich ritzen oder? Zeig mal deinen Arm.«

Ich weiß nicht was ich darauf sagen soll. Ich starre ihn an.

»Ich bezahle das.«

Er lacht. »Ist mir schon klar, aber ich mache das nicht.«

»Dann bringe ich mich um«, platzt aus mir raus.

»Tu dir keinen Zwang an.« Er will weggehen.

»EY!«, schreie ich. »Du wirst mich tätowieren!«

Ich laufe ihm hinterher, halte ihn am Arm fest.

»Verzieh‘ dich!«, ruft er überrascht. Ich lasse mich nicht beirren. Breitschultrig stellt er sich vor mich. Sehr schön, denke ich, ich will sowieso sterben.

Kampflustig strecke ich mein Kinn vor und balancierte mein Gewicht aus: Linker Fuß ein wenig nach vorn, Gewicht auf die Fußballen verlagern – rechter Fuß ein Stück nach hinten, für Stabilität und um gegebenenfalls besser ausweichen zu können.

Überrascht sieht er mich an.

Er kennt diese Position. Er weiß, worauf ich mich vorbereite.

Mit überkreuzten Armen baut er sich vor mir auf. »Was willst du denn machen? Mich zwingen?«

»Wenn’s sein muss.«

»Du hast ’nen Schaden, oder?«

»Sieht wohl so aus.«

Stur stehen wir voreinander.

Bär gegen mich.

Und ob ich schon wanderte im finsteren Tal, fürchtete ich kein Unglück, denn ich bin die absolut gemeinste Drecksau in diesem verdammten Tal, spreche ich mein letztes Gebet.

 

»Setzen«, sagt er nach einiger Zeit.

 

Ich fackelte nicht lang. Schnell ging ich nach hinten und nahm auf dem Tätowierstuhl platz.

»Was soll’s denn werden?«, fragt er. »Schon was ausgesucht? Vielleicht ein Einhorn?«

Er grinst. Ich nicht.

»Borderline«, sage ich.

»Also ein Schriftsatz.«

»Jap.«

»Wohin?«

»Hier.« Ich zeige ihm mein rechtes Handgelenk. Genau die Stelle, wo ich vor einer Stunde zwecks Selbstmord rumwerkeln wollte.

»Das wird ganz schön wehtun.«

Hoffentlich.

Eddy schüttelt den Kopf. »Wir stechen normalerweise keine Handgelenke. Wenn du den Schmerz nicht aushalten kannst …«

»Ihr stecht normalerweise auch keine Leute aus der Ballerburg«, unterbreche ich ihn.

Er zuckt mit den Schultern. Nicht sein Problem.

»Warum ein Tattoo?«

»Diagnose.«

»Sollten die euch da drüben nicht helfen?«

»Für mich gibt’s keine Hilfe.«

»Es gibt immer Hilfe.«

»Hast du das von deinem AA-Flyer?«

Er drückt mir ein paar Blankoblätter und einen schwarzen Filzstift in die Hand. »Mal!«

Eddy zieht die Augenbraue hoch, als ich ihm das Papier zurückgebe. »Mehr nicht?«

Stumm halte ich ihm den Arm hin. »Hau rein.«

 

»Warum dieses Motiv?«, fragt Eddy, während die Nadel summt.

»Es muss weg.« Raus aus meinem Kopf.

Er sieht mich schief an. »Das ist nur ein Wort.«

Nur ein Wort …

Es ist mehr als das. Es ist mein Stigma, mein Branding, meine KZ-Identifikationsnummer.

Borderline tattoo

 

Ich hasse das Wort. Ich hasse das Thema. (Kann es kaum ertragen.) Will es nicht mehr denken. Will es nicht ständig im Hinterkopf haben.

Dieser Fremdkörper.

Dieser Alien.

Raus aus meinem verfluchten Kopf und dahin, wo ich dich sehen kann! Das wird mein Kampf. Challenge accept.

 

Die Tätowiermaschine summt und sticht mit hundert Nadeln pro Sekunde; färbt meine Haut. Mein Knochen brummt. Es tut weh. Die Hautschicht ist dünn. Es tut gut.

 

Das Tattoo ist meine erste farbige Narbe.

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