Es ist zum Kotzen …

Vor ein paar Wochen habe ich das Kotzen angefangen. Einfach so. Erste Meinungen: Magen-Darm-Grippe. Ich so: Nä. Ich weiß doch, wann ich ne MDG habe oder nicht. Egal. Es wurde gekotzt. Ununterbrochen. Ein Anfall nach dem anderen. Meine Vermutung: Verspannung. Denn ich hatte auch üblest Schwindel. Schwindel = Kotzen. Tadaaa. Masterplan: Orthopäde. Meine Mutter erzählte mir von einem Orthopäden, der ne offene Sprechstunde hätte – mit Wartezeit. Aber immer noch besser als 3 Monate auf einen Termin zu warten. Ich also dahin, an der Hand meiner Mutter – aka zweite Netzwerkvorsitzende -, weil allein trau ich mich ja nicht. Und alleine Auto fahren darf ich auch nicht mehr. Meh.
Nach 2 Stunden kam ich dann auch dran. Ich hatte viel vor. Wenn ich schon mal da war, dann wollte ich  auch gleich alles behandelt haben. Man glaubt ja gar nicht, wie viel Mühe und Mut es mich gekostet hat, zu einem verfickten Arzt zu gehen. Ich holte also tief Luft, als er mich fragte, was mich denn zu ihm führen würde. »Also, ich habe drei Probleme…«
»Heute haben wir nur Zeit für eins. Suchen Sie sich das akuteste aus und dann können Sie morgen wieder kommen.«
Ich guckte, wie ein Auto. Ich guckte ihn an und versuchte zu ergründen, ob der mich verarschen wollte. Der guckte normal zurück. Ich guckte meine Mutter an. Die zuckte mit den Schultern. Ich guckte an die Decke und suchte nach der versteckten Kamera. Keine da.
Also ratterte mein Gehirn los: Was ist das Schlimmste? Das Kotzen! Schränkt mich schon ziemlich im Alltag ein. Ich erkläre die Situation. Er sagt: »Nä, keine Verspannung.« Drückt aber an mir rum, es zieht und knackt. »Haben Sie neue Medikamente bekommen?« Blöd, wie ich bin, antworte ich mit Ja. »Daran liegt’s. Sprechen Sie mit ihrem Arzt, der klärt Sie auf. Kommen Sie dann morgen wieder wegen der anderen Beschwerden.« – Ganz sicher nicht, du Wichsfresse.
Ich stürme nach draußen, – bloß weg hier! – meine Netzwerkvorsitzende#2 kommt nicht hinter mir her. Ich weiß nicht, was ich zuerst machen will: kotzen, rauchen, heulen, los motzen. Ich mache irgendwie alles gleichzeitig. Danach fühle ich mich taub. Ich sitze im Auto und starre aus dem Fenster. Häuser und Menschen huschen an mir vorbei. Meine Mutter betreibt Aufmunterungsarbeit.

Ich diagnostiziere weiter, woher das Kotzen kommt.

Der Orthopäde sagt: Medikamente.
Aha, aha.
Kann sein, muss aber nicht.
Ich habe in den letzten Wochen und Monate viele Medikamente bekommen und wieder abgesetzt. Meiner Hausärztin hat es nämlich gereicht, mir Tavor zu verschreiben. Ich müsse jetzt zu einem Psychiater. Soll der das ab jetzt verantworten.

Nach vielem Hin und Her hatte ich endlich einen Termin. (NOTFALL!!!!) Diagnose war schnell klar: Bipolar. Nix Borderline. »Sie sind eindeutig bipolar.«
Ich gerate in eine Identitätskrise – aber egal. Hierfür gibt es Medikamente, hier wird dir geholfen werden können. Psychiaterin aka Netzwerkvorsitzende#3 stellt einen Behandlungsplan auf:
Punkt 1: Perazin absetzen. Soll laut Psychiaterin der letzte Dreck sein. Weg damit.
Punkt 2: Antidepressiva gegen die Depressionen. Escitalopram. Kenn ich noch von früher. Check.
Punkt 3: Tavor. YEY! Diese Quelle wird nie versiegen!!!

Neuer Behandlungsplan:
Escitalopram wieder absetzen. Stattdessen nun Valdoxan zur Nacht, weil Schlaf = Trolololol!
Tavor darf und soll ich weiter nehmen (YEY!). Jede Woche Vorsprechen beim Psychiater. Sie will mich engmaschig sehen.

Ein paar Wochen später: Depression immer noch da. Dazu klitschnasse Hände und eine Unruhe in mir, als wäre der Teufel los. Gedankenraserei beschreibt es nicht mal annähernd. Max. Schlafpensum: 2 Stunden die Nacht. Über Wochen – trotz Tavor. Das Tolle an bipolar ist nämlich, wenn man ein AD nimmt, kann einen das direkt in die Manie befördern. So auch bei mir. GZ!

Meine Unruhe bringt mich derweil um den Verstand. Ich laufe auf Hochtouren. Habe 2000 Gedanken gleichzeitig im Kopf, wie Ohrwürmer schlechter Lieder. Alles wiederholt sich, dreht sich im Kreis, findet kein Ende. Netzwerk überfordert, Netzwerk genervt. Bäm: Nervenzusammenbruch. Ich bekomme eine Depotspritze in den Popo und noch mehr Tavor.

Ich angele mich von Tag zu Tag. Neuer langfristiger Behandlungsplan lautet: erst mal stabil werden, dann Einstellung auf Lithium.
Zwischendurch habe ich ne Psychose.

Es wird nicht besser. Zwischenbehandlungsplan: Ich bekomme ein neues AD: Elontril. Noch nie davon gehört, aber ich traue mich, etwas darüber zu googeln. Finde heraus, dass es bei der Rauchentwöhnung helfen soll und finds gut. Ich habe zwar wieder Angst- und Panikattacken, aber hey, das ist normal. Am Anfang wird es immer schlechter bevor es besser wird – schaffst du schon. Ich balanciere also mit Psychosen, Unruhe as fuck, Angst- und Panikattacken, Depressionen und Game of Thrones Staffel 1-7, während mein Medikamentencocktail Wirkung bringen soll.

Ich will nur noch sterben.

Ich habe Kette geraucht, so nervös, aufgekratzt und hibbelig war ich. Weiß ich, weil ich jetzt einen Stimmungskalender führen muss.

Wenn ich es schaffe mal 5 Minuten still zu sitzen, lese ich »Manisch-depressiv für Dummies« und versuche mich zu Recht zu finden. Meine offizielle Diagnose: Ultra (Ultra) Rapid cycling. Fick dich, Universum. Ehrlich.
Ich muss meine Medikamente regelmäßig nehmen, werde auf Lithium eingestellt, regelmäßige Blutüberwachung, mich beobachten, Stimmungskalender führen, ein Netzwerk aufbauen, welches mich in der Krise fängt und meine Arzttermine wahrnehmen. Wenigstens darf ich mich mit Tavor volldröhnen. Mittlerweile 10mg am Tag. Darfste keinem erzählen. Behalte ich auch für mich, pssscht.

Ich rede viel. Es sprudelt nur so aus mir heraus. Dann kommen die Tränen. Ich heul mir die Seele aus dem Leib, wegen was-auch-immer. Ich werde psychotisch, traue mich nicht mehr vor die Tür. Gassigehen wird zum Spießrutenlauf, aber ich laufe; beweise Mut. Dann starre ich vor mich hin. Ich bin am Ende. Weltuntergangsstimmung. Ich will nicht mehr…

Eines Tages wurde es dann besser – und nun fing das Gekotze an.

Ich halte es für glaubwürdig, wenn der Orthopäde sagt, dass es vom Lithium kommen könnte. Ich entsende mein Netzwerk und lasse Packungsbeilagen lesen, ob da was dran ist. Ich selber darf das gar nicht erst lesen, weil ich mir dann die Nebenwirkungen einrede. Ich habe da so ein Talent …

Netzwerk bestätigt Vermutung. Die Zentrale ruft (wieder mal) beim Psychiater an. Wir sehen uns ja nur 1-2 Mal die Woche. Die Arzthelferinnen sind nett, was selten ist. Ich fühl mich wohl aufgehoben. Deswegen glaube ich ihnen auch, als diese sagen, dass das ne Magen-Darm-Grippe ist. Ihr selbst wäre am Montag knöddelig gewesen, da müsste ich mich nicht wundern. Ich sollte doch mal zum Hausarzt.

Jetzt stellt euch mal vor, ihr seid den ganzen lieben langen Tag am Kotzen. Wie viel Bock habt ihr in einem überfüllten Wartezimmer zu sitzen und in eine Mülltüte zu kotzen?
– Ganz genau.
Aber die Kotzerei ist so schlimm, sodass ich es in kauf nehme. Netzwerk unterstützt mich. Ich lasse mich fahren, denn selbständiges Autofahren ist nicht mehr. Wartezimmer voll bis oben hin. Ich, blass wie ne Wand, mit Würgereiz, erkläre abgehackt meine Situation. Ich denke, ich bin ein Notfall und werde bestimmt schnell dran genommen. Gute Idee der Sprechstundenhilfe: Ich soll doch im Wagen warten, damit ich nicht ins Wartezimmer kotze. Sie würde mich dann holen kommen.

Nach 2,5 Stunden war es dann soweit.
Ich kam als letzte dran.
Als aller-aller-aller Letzte. Es war mittlerweile 19 Uhr und Praxis offiziell seit einer Stunde geschlossen.

Ich kürze mal ab: Vermutlich Lithiumvergiftung. Zurück zum Psychiater, um den Lithiumwert bestimmen zu lassen und ab ins Krankenhaus wegen Dehydrierung. Ich mein Fick-dich-Gesicht aufgesetzt. Ich gehe in kein Krankenhaus, verdammte scheiße! Gut, dann Zäpfchen gegen den Brechreiz. Meh. Aber besser als Krankenhaus. Ich kapituliere. Mein Bauch wird abgetastet, weil ich da einen komischen Wanderschmerz habe, wovon ich an zweiter Position dem Orthopäden erzählen wollte. Meine Hausärztin kann sich keinen Reim drauf machen. Das Problem wird beiseitegeschoben. Es wird sich jetzt auf Lithiumvergiftung geeinigt. Netzwerk ist derselben Meinung, also muss es ja stimmen.

Ab zur Notfallapotheke und Zäpfchen holen. Ich tue, was getan werden muss. Und siehe da, seit nunmehr 4 Tagen Dauerkotzen hört es endlich auf. Ich kann mein Glück kaum fassen!

Am nächsten Tag dann wieder zur Psychiaterin. Ich ruf da an und brülle ihr »Lithiumvergiftung« entgegen. Hinweis am Rande: Wer ernstgenommen werden will, sollte sich das Wort gut merken. Auf einmal stehen dir alle Türen offen. Ich solle sofort kommen.

Wir nehmen Blut ab, um den Wert zu bestimmen. Da Freitag ist und die Praxis nächste Woche im Urlaub geht, werde ich erst in 10 Tagen mein Ergebnis bekommen. So lange warten wir doch einfach mal ab! Psychiaterin regt sich während der Besprechung über meine Hausärztin auf: Lithiumvergiftung? Lächerlich! Egal, wir setzen das Lithium mal vorsichtshalber ab. Nach 3 Tagen soll ich es langsam wieder steigern. Gegens Kotzen hätte ich ja jetzt meine Zäpfchen. Ooookay.

Ich warte drei Tage. Es geht mir gut. Ey, das Leben hat wieder einen Sinn, verdammte Kacke! Keine Lithiumvergiftung! Nur ne bescheuerte Magen-Darm-Grippe! Und deswegen der ganze Stress – hahahahahahaha.

Ich fange wieder mit Lithium an.
Prompt wird mir wieder schlecht.
Meine Magen-Darm-Grippe is back!
Nehme mein Lithium weiter – weil: was der Arzt sagt, muss gemacht werden, kleiner unmündiger bipolarer Patient.

Mein komischer Wanderschmerz (ihr erinnert euch vielleicht, ich erwähnte ihn kurz) wird währenddessen immer schlimmer. Ich fange an, mich in Dinge reinzusteigern. Ich google den menschlichen Körper, um festzustellen, was an besagter Stelle überhaupt sitzt. Ich vermute mal die Nieren – wäre ja auch kein Wunder, wenns die zerfickt hätte, bei den ganzen Medikamenten. Ich google weiter. Irgendwann bin ich bei Krebs angekommen und habe ne Panikattacke. Ich heule, und fange auch wieder mit dem Kotzen an.
Nun habe ich eine Todesangst. Die Abwärtsspirale rotiert immer schneller. Was tun? Was tun, verdammte Scheiße! Ich werde sterben. Jetzt ist es soweit. Ich hatte es kommen sehen. Nun kriege ich, was ich verdiene. Dieser Körper wird sterben!
Ob ich ins Krankenhaus gehe?
Näääääääh.
Ich schließe mich im Schlafzimmer mit Kotzeimer und Handy ein, und google, was ein Notfall ist, der es rechtfertigt, in die Notaufnahme gehen zu dürfen. Kotzerei schon mal nicht. Man soll den ärztlichen Bereitschaftsnotdienst wählen. Ich bin so sehr in meiner Panik verfangen, dass ich nicht mal mehr weiß, wie man telefoniert. Mein Netzwerk wird ignoriert. Tür und Fenster sind fest verschlossen. Meine Nieren versagen, ich spüre es! Der Schmerz wird unerträglich. Gleich klappt auch mein Kreislauf zusammen. Ich bin bereit mich gehen zu lassen, auch wenn ich wie ein Baby heule und Angst vor der anderen Seite habe. Ich warte … Wie lange dauert das denn? Plötzlicher Nierentod, wo bleibst du? Okay, beruhigen. Schnodder und Kotze abwischen. Ich schaffe es grade noch die Treppe runter zu meiner Packung Tavor. Zack, erst mal 4 Tabletten geschluckt. Danach sinke ich in den Schlaf. Ich denke noch daran, mich in die stabile Seitenlage zu legen, damit ich nicht an meinem Erbrochenen ersticke.

Nach ein paar Stunden wache ich auf. Checkliste wird abgearbeitet: Tavor-Kater, dicke verheulte Augen, blutender Rachen vom Kotzen, Niere noch da und schmerzt.

Jenseits vom Netzwerk treffe ich eigenständig eine Entscheidung: ich setze das Lithium ab und höre mit dem Rauchen auf. Endlich Nichtraucher!

Zu all dem verfickten Stress setze ich mich jetzt auch noch der Rauchentwöhnung aus! Gesus, habe ich sie denn noch alle?!
Nein, aber ich will LEBEN!

Am nächsten Tag sitze ich wieder Mal beim Psychiater. Mein Lithiumwert war gut. Keine Vergiftung. Wenn ich es so will, soll ich das Lithium erst mal absetzen.
Wir quatschen ein bisschen. Ich soll mal erzählen: vom Kotzen und dem Wanderschmerz. Sie bestätigt mir, dass dort, wo ich meine, die Nieren sitzen. Zufälligerweise hätte sie meine Nierenwerte da! Und – Oh Wunder – die sind total normal! Ich verstehe die Welt nicht mehr.

Sie fragt, ob ich mich vor einem Kotzanfall aufgeregt hätte? Vielleicht sogar geweint hätte? Ob ich sehr angespannt gewesen wäre? Verkrampfungen, im Nacken zum Beispiel? Hatte ich große Angst? Ich bejahrte das.

Diagnose: Hypochonder.

Behandlungsplan: Ich soll mich entspannen, dann wird das wieder.

  1 comment for “Es ist zum Kotzen …

  1. Tom
    10. Juni 2019 at 3:24

    „Diagnose: Hypochonder.

    Behandlungsplan: Ich soll mich entspannen, dann wird das wieder.“

    Genau mein Humor!

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