Der Junge mit dem Loch im Herzen

Es war einmal ein Junge. Er war ein Prinz, und hatte halbmondförmige Augen immer wenn er lachte. Jeder im Reich liebte den jungen Prinzen. Er war freundlich und gütig zu jedermann, egal welcher Stellung und Herkunft.

Kurz nach seiner Geburt, wurde der Prinz krank. Die Ärzte untersuchten und behandelten ihn wochenlang, bis jemand herausfand: Der Junge hatte ein Loch im Herzen.
Es ist so, dass das Herz gewissermaßen geteilt ist. Aber dieser Junge – so schien es – hatte so viel Liebe in sich, dass er sein Herz vereinen wollte, um noch mehr geben zu können als er bereits schon tat.

Dieses wagemutige Herz hatte die Mutterkönigin nicht inne. Sie war voller Angst und Furcht. Aber dies konnte sie nicht mitteilen, weil auch dies eine Sorge von ihr war: Das andere Menschen erkannten, dass sie schwach war. Die Königin war der Meinung, dass sie die Liebe schwach erscheinen lassen würde.

Also mied sie das Zimmer ihres Sohnes. Niemand sollte sie weinend und in Sorge sehen.

Sie beschäftigte sich stattdessen mit der Regierung des Königreichs, mit Staatsgeschäften und Banketts. Jetzt, wo sie dachte, dass alle anderen dachten, dass die Königin eine starke Frau sei, die nichts erschüttern konnte, war sie in Wirklichkeit am schwächsten. Denn sie trug keine Liebe in sich. Sie hatte ebenfalls ein Loch im Herzen – aber dieses wäre heilbar gewesen, sofern sie nur mutig genug gewesen wäre! Aber Mut war etwas, was der Königin gänzlich fehlte. Sie war immer unvollständig. Stand immer unter Druck und Zwang. Sie wollte die größte Herrscherin aller Zeiten werden. Dabei entwich ihr von Tag zu Tag mehr die Liebe aus dem Herzen.

Die Königin wurde von Jahr zu Jahr wütender und kälter. Der ganze Hof fürchtete sich vor ihr – auch der Prinz. Nur der König konnte dem ein wenig Einhalt gebieten, aber nicht für sehr lang. Er kam bei einem Jagtunfall ums Leben. Dies riss ein noch größeres Loch in das Herz der Königin, und der letzte Rest an Liebe konnte nicht mehr gehalten werden.

Der Junge wuchs heran. Er wurde zu einem wunderschönen Mann, den alle bewunderten weil er die Dinge sah, wie sie wirklich waren. Er kannte sich ziemlich gut aus mit Herzen und wusste, worauf er bei Menschen zu schauen hatte. Das Herz seiner Mutter machte ihm Angst.
Mit jedem Tag ähnelte er dem verstorbenen König mehr und die Königin konnte seinen Anblick nicht mehr ertragen. Anstatt sich daran zu erfreuen, dass ihr Sohn ihr geblieben war, verbitterte sie und wurde zornig über den Verlust ihres Mannes.

Sie wurde zu einer grausamen Herrscherin und Mutter. An schlechten Tagen schlug und trat sie nach dem Prinzen. Sie beschimpfte ihn, und ließ anstelle von Liebe ihre Wut an ihm aus.

Eines besonders schlimmen Tages rannte der junge Prinz davon.

Er lief in die Wälder. Und es war bitterböse kalt. Der Boden war frostig und Schneeflocken tanzten durch die Nacht. Ein heiles und stabiles Herz hätte das Martyrium vielleicht erduldet, aber keins, wie seins. Er konnte das nicht mehr ertragen und legte sich auf den Waldboden, um zu sterben. In dieser Welt wollte er nicht mehr leben.

Aber er wurde gefunden und zurück gebracht. Die Königin war außer sich! Sie schrie und kreischte und das Herz des Prinzen zog sich zusammen. Es versuchte sich, zu verschließen. Niemand sollte mehr sein Herz berühren.

Kalte und triste Jahre zogen ins Land, und so kam es, dass der Prinz verheiratet werden sollte. Die einflussreichsten Prinzessinnen wurden eingeladen, die Partie sollte gut sein. Eine schöner als die andere. Jede hätte sich glücklich schätzen können, das Herz des Prinzen zu erobern. Aber er wurde immer blasser und karger, weil nun auch die Liebe begann aus ihm heraus zu fließen.

Man kann sagen, es war in letzter Minute, da erblickte er sie. Sie trug ein prächtiges Kleid und war das schönste Mädchen, was er je gesehen hatte. Die Farbe kam zurück in sein Gesicht und sein Leben. Sie tanzten und lachten, und sein Herz wurde von Sekunde zu Sekunde stärker und zuversichtlicher.

Einige Zeit später kam ihre Tochter zur Welt – und sie konnten glücklicher nicht sein. Denn wenn man Liebe teilt, dann vermehrt sie sich. Und der Junge mit dem einstigen Loch im Herzen wurde zu einem der reichsten Männer der Welt. Sein Herz war kurz vorm Zerbersten, so erfüllt war es von Stolz und Glück.
Wir könnten diese Geschichte jetzt und hier beenden. Aber zu lieben bedeutet auch Verlust zu erleiden, wie der Prinz kurze Zeit später erfahren musste. Und das ist die größte Prüfung des Lebens. Es ist ein Scheideweg, der bestimmt, wer wir sind. Die Mutigen unter uns zerbrechen nicht daran. Sie haben Hoffnung und lieben tapfer und zuversichtlich weiter. Dieser Weg ist steinig und schwer – und wahrlich nicht für jedermann gedacht.
Die Schwächeren unter ihnen entscheiden sich für den einfacheren Pfad. Sie verschließen sich für immer und vermeiden das Leben.

Die wunderschöne Frau des Prinzen verstarb am Fieber. Und nun war er allein mit der Prinzessin.

Es gab Tage, da wollte er aufgeben. Wünschte sich zurück auf den Waldboden. Aber diese Momente dauerten nicht für lang. Denn sobald er in die Halbmondaugen seiner Tochter blickte, setzte dies ein Pflaster auf sein Herz und die Liebe darin blieb konserviert.

 

Ein jeder von uns, hat dieses Loch im Herzen. Die Aufgabe im Leben ist, es mit etwas füllen zu können. Nur die Mutigen unter uns, finden dies. Alle anderen werden ihr Leben lang etwas vermissen, von dem sie nicht wussten, dass es das überhaupt gibt.

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