Bad Trip

Ich war so selbstbewusst. Ich wollte so stark in diesen Trip gehen, freue mich schließlich die ganze Woche auf Samstag. Ich wollte kichern, denken, Farben. Shrooms wie immer.

Der Anfang war okay, das anfluten, alles wie immer. Ich grinste, hatte nasse Hände und mein Körper vibrierte von innen heraus. Ich setzte mich auf die große Couch. Wir grinsten uns an. Wir kicherten. Du diesmal ein wenig mehr als ich, aber auch meine Stimmung war ausgeglichen. Wir führten wie immer komische Gespräche. Wörter, die nur wir verstehen. Gedanken, die man nur andeuten muss und der andere weiß, was gemeint ist. Wir sind in unseren Köpfen.

Irgendwann begannst du mir auf den Keks zu gehen. Du hattest vergessen, wie man sich die Nase putzt. Ich dachte, das kann doch nicht so schwer sein. Putz deine verfickte Nase! Du standest auf, du setztest dich wieder hin, du kichertest ins Kissen, der Hund lag auf meinem Bein. Ich saß in meiner Sofaecke. Die Welt wabbelte. Farben wechselten sich ab. Dein Gesicht verformte sich: zerfloss und materialisierte sich wieder. Ich hatte den vollen Morph.

Du warst in deiner eigenen Welt. Und ich beschloss auch in meine zu gehen.

Alles begann damit, dass ich mich an das Gefühl von Langeweile erinnerte. Wenn man mich fragen würde: „Was ist das schlimmste Gefühl der Welt?“ Dann würde ich antworten: „Langeweile.“
Langeweile konnte ich noch nie aushalten, schon viel zu viel erlebt im alten Leben. Langeweile zieht mich in die Depression; in die Hoffnungslosigkeit; in die Leere und Verzweiflung. Nichts hat auf einmal mehr einen Sinn. Ich stecke wieder in diesen einen von tausenden Samstagnachmittagen, auf der grauen Straße, neben dem Supermarkt. Ich bin gefangen in diesem Bild.

Ich schaffe es gerade noch dir zu sagen: „Hilf mir hier raus.“

Du lachst nur. Hast deinen eigenen Trip.

Ich versuche mich daran zu erinnern, dass ich trippe. Dass Gefühle von der Droge verstärkt werden. Ich versuche gegen die Langeweile anzukämpfen. Positiv zu werden. Ich weiß nicht, wie lange es dauert.

Und dann bahnt sich etwas an. Auf einmal überkommt mich ein Gefühl von versagen, nichts zu können und nichts geschafft zu haben im Leben. Ich denke über mich nach. Ich verliere mich in dem Gefühl wertlos zu sein.

Ich versuche zu kommunizieren: „Ich bin nichts wert. Ich kann nichts.“

Du antwortest: „Ich kann mir nicht mal die Nase putzen. Ich weiß nicht mehr wie das geht“, und lachst. Ich tue das Gegenteil von Lachen. Ich fange an zu heulen. Tränen kullern aus mir heraus. Einfach so. Ich habe mich in meinem ganzen Leben noch nie so schlecht gefühlt.

„Ich werde alleine sterben. Ich bin so allein. Niemand wird mich vermissen. Niemand wird wissen, dass ich mal da gewesen bin.“

„Du hast ein Buch geschrieben.“

Habe ich das? Ich bin mir nicht mehr sicher.

„Komm, wir stehen auf! Lass uns Orangensaft trinken!“

Mühsam kämpfe ich mich hoch. Die Traurigkeit erdrückt mich, lässt mich nicht richtig stehen. Ich bin ein gebrochener Mensch. Du zerrst mich auf den Stuhl. Ich frage mich, was das alles in meinem Gesicht ist. Es sind Tränen und Schnodder. Du gibst mir an die hundert Zewas und Taschentücher. Du sagst, dass du es nicht schaffst, dir die Nase zu putzen. Ich verliere die Zeit. Ich bin auf einmal weg von hier. Ich bin auf meiner Timeline und switsche in Situationen und Erinnerungen. Nur ist mir nicht klar, dass das Erinnerungen sind. Ich denke, es ist die Realität. Ich bin erst hier, dann bin ich da. Ich sitze auf der Treppe in der Schule und habe einen Nervenzusammenbruch. Ich bin so tief in mir, dass nichts mehr zu mir durchdringt. Dann bin ich wieder in der Küche. Gucke dich an. Du bist total woanders. Ich weiß, dass ich dich nicht um Hilfe bitten kann. Du kämpfst selber, ich sehe es dir an. Dann switche ich wieder. Bin ich in Neuseeland? Bin ich in Japan in einem Hotel? Kommt da grade eine Frau rein?

„Siehst du das auch?“

Nein. Du siehst nicht. Ich bin allein. Ganz allein. Mutterseelenallein. Ich werde sterben. Nix mehr von „die Seele wird weiterleben und nach dem Tot ist alles gut“. Keine spirituelle Erfahrung. Nein. Es ist kalt, nass, riecht nach Erde und du bist der einsamste Mensch der Welt.

 

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„Bin ich noch hier?“

„Ja, bist du.“

„Was mache ich hier?“

„Du sitzt auf einen Stuhl. Um dich herum ist ein Haus gebaut.“

Ich glaube ihm nicht. Ich bin wieder auf meiner Timeline. Switche. Bis dahin wusste ich zwar nicht mehr, wo ich war oder wann, aber ich wusste: Ich bin. Dies hörte in den nächsten Minuten auf.

 

Ich saß wieder in meiner Sofaecke. Ich dachte, ich bin im Krankenhaus. Ich dachte, ich liege im Krankenhaus und träume. „Bist du bei mir?“, fragte ich die ganze Zeit. Die Antwort war egal, ich fühlte etwas anderes. In dem Moment wurde mir klar, ich bin in einer Psychose gefangen. Alles um mich herum wirbelte: Zeiten, Daten, Orte, Personen, Ich’s. Ich saß im Auge des Sturms und schaute zu. Ich vergaß Zeit und Ort. Raum und Realität. Ich saß in der TARDIS von Dr. Who. Ich war auf einer Straße, sie führte durch einen Wald. Ich saß in einem Auto. Ich war zeitweise in meinem Buch. Ich war mitten im Chat. Ich verlor den Verstand. Ich schwöre, er war weg. Ich löste mich auf. Ich war nicht mehr länger. Ich verlor mich. Keine Realität, kein Anker der mich im Jetzt hielt. Selbst mein Hund holte mich nicht mehr zurück. Ich fragte mich, wer das sei. Seit wann habe ich einen Hund? Wie kommt der hierher? Und dann die Frage des Abends: Habe ich ihn geboren? Ich habe mich allen Ernstes gefragt, ob ich diesen Hund zur Welt gebracht hatte.

Du versichertest mir, dass ich das nicht getan hatte. Ich glaubte dir nur schwer. Habe ich mir grade in die Hose gemacht?

„Wohne ich hier?“

„Ja.“

„Das hier ist mein Leben?“

„Ja.“

„Bist du dir sicher?“

„Ja. Du wohnst [Straße], [Hausnummer], [Postleitzahl], [Ort].“

„Darf ich das?“

„Ja, dass darfst du. Dass ist vollkommen okay.“

Ich bin mir nicht sicher. „Welches Jahr haben wir heute?“

„2016.“

„Und was für einen Tag?“

„Samstag.“

Ich weiß nicht mehr, was ein Samstag ist. Ich weiß nicht mehr, was eine Zeit ist.

„Bin ich ein Stier?“, frage ich zitternd.

„Nein.“

„Bin ich ein Mensch?“

„Ja, du bist ein Mensch.“

„Bist du dir da auch ganz sicher?“

„Ja!“

„Dieser Körper stirbt!“ Die Tränen laufen mir wieder aus den Augen.

Du weißt nicht mehr, was du mir noch sagen sollst und wie du mir helfen kannst.

Ich frage noch mal, ob ich hier bin oder ob ich im Krankenhaus sitze. Wir führen dieses Gespräch bereits zum zwanzigsten Mal. Du bist genervt. Aber du nimmst mich auch ernst, weil du meinen Gesichtsausdruck siehst. Ich sehe, wie du mich siehst: Wahn, Angst, Kontroll- und Identitätsverlust.

Ich glaube nicht mehr daran, dass ich auf Droge bin. Ich weiß nicht, was real ist. Ich weiß nicht, wie lange ich hier schon sitze. Ich gucke auf die Uhr. Ich verstehe nicht, was sie sagt. Eine Uhr macht keinen Sinn mehr.

Ich sage meinen Namen laut. Ich frage ihn: „Wer bist du?“ Er antwortet, wer er ist und was wir hier machen. Ich traue ihm nicht. Ich kann nix und niemanden trauen. Er ist mir nicht böse. Er zeigt Verständnis. Ich habe einen Blick drauf, der zum Fürchten ist. Ich spüre es selber.

 

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Ich komme langsam aus der Psychose. Ich beginne damit, mich zurück zu holen. Ich sage meinen Namen, meine Adresse, das Jahr und was ich den ganzen Tag mache. Ich bin so schrecklich bemüht darum, mich wieder zu finden, zu wissen, wer ich bin.

Jetzt, im Nachhinein weiß ich, dass es stundenlang gedauert hat.

 

„Borderliner sollten keine psychedelischen Drogen konsumieren.“
– Zitat

Warum? Weil wir das nicht schaffen?

Ich habe es geschafft! Ich bin raus gekommen. Ich habe dem Wahn ins Gesicht geblickt – und nein, das ist keine Phrase. Das ist mein absoluter Ernst. Ich war am Nichts. Am Rande der Existenzauflösung, ein Versinken in sich selbst. Aber ich habe es geschafft. Ich weiß wieder, wer ich bin. Ich bin so viel stärker, als ich dachte. Ich habe einen Bad Trip überlebt.

Ich, wohnhaft hier, im Jahre 2016. Und ich lebe.

Das war mein letzter Trip.

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